Re: Hofmannsthal und Drogen

Re: Hofmannsthal und Drogen


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Urheber : Konrad Heumann Datum : June 07, 19100 at 21:41:18:

Bezieht sich auf Hofmannsthal und Drogen Urheber Miloslav Man vom June 05, 19100 at 20:11:56:

Hofmannsthal und die Drogen - Ich würde jede Wette eingehen, daß keine nennenwerten Belege dafür zu finden sind, daß Hofmannsthal zu irgend einer Zeit sein Befinden durch äußere Zuführung von Wirksubstanzen manipuliert hat. So etwas lag ihm nicht. Es gibt zwei Typen von Schriftstellern: diejenigen, die dem Schreibprozeß mit Drogen jedwelcher Art nachzuhelfen versuchen und diejenigen, die ängstlich auf ihre leiblichen Prozesse horchen, ohne in den fragilen Befindlichkeitshaushalt einzugreifen. Hofmannsthal gehört ganz deutlich der zweiten Gruppe an.

Man könnte natürlich auf die folgende Stelle aus dem Tagebuch von 1895 verweisen (Reden und Aufsätze 3, S. 401):

»Kühl, hell und windig. Ich habe Wein getrunken. Bin dann ein Stück auf der Straße gegen Mutenitz sehr schnell gegangen. Plötzlich unter einer grossen Pappel stehengeblieben und hinaufgeschaut. Das Haltlose in mir, dieser Wirbel, eine ganze durcheinanderfliegende Welt, plötzlich wie mit straff gefangenem Anker an die Ruhe dieses Baumes gebunden der riesig in das Dunkle Blau schweigend hineinwächst. Dieser Baum ist für mein Leben etwas Unverlierbares. In mir der Kosmos, alle Säfte aller lebendigen und todten Dinge höchst individuell schwingend. ebenso in dem Baum.«

Daß Alkohol die Orientierung im Raum verändert, ist hinlänglich bekannt, dennoch ist Hofmannsthals Erlebnis nicht hinreichend mit dem ›Wein‹ erklärt, den er - sicher in gemäßigten Dosen - zu sich genommen hat. Profane Epiphanien dieser Art finden sich zuhauf in Hofmannsthals Werken, Aufzeichnungen und Briefen, ohne daß an einer weiteren Stelle (so wie hier) Stimulanzien eine Rolle spielen würden. (Die zitierte Stelle ist übrigens zugleich eine Reinszenierung eines Erfahrungsberichts Baudelaires über das Haschischrauchen, womit ich sagen will, daß Hofmannsthal manipulierte Grenzerfahrungen anderer Schriftsteller durchaus zur Kenntnis genommen hat.)

Wie sieht es mit Beruhigungs- und Schlafmitteln aus? Auf Vortragsreisen und in Streßsituationen schlief Hofmannsthal zuweilen schlecht, dann nahm er wohl manchmal ein Schlafmittel, viele Belege gibt es dafür allerdings nicht (was man von Thomas Mann nicht behaupten kann). Einer ist ein Brief von Julius Meier-Graefe an Hofmannsthal von 1906 (Hofmannsthal-Jahrbuch 4/1996, S. 83):

»Was machen Sie für Geschichten, Schlafmittel!? Was über Tisane von Lindenblüten hinausgeht, ist von Übel. Das hilft mir.«

Im Grunde ist das Hofmannsthals eigene Position. Und sonst? Die Belege für Kaffeekonsum sind spärlich, Hofmannsthal rauchte auch nicht (im Gegensatz zu seinem Vater, der gemäßigt Zigarren rauchte).

Ich darf mich zum Abschluß selbst zitieren? Im Hofmannsthal-Jahrbuch 7/1999, S. 286f. schrieb ich:

Die Erfahrung, daß Kreativität eine bestimmte Befindlichkeit voraussetzt, der das schöpferische Subjekt nur bedingt Herr zu werden vermag, ist so alt wie die Dichtung selbst. Der ›produktive Zustand‹ bedarf einer Intensität, die durch Wissen, Erfahrung und Willen allein nicht zu erreichen ist. Es muß etwas hinzutreten, etwas, das den Künstler (zumindest phasenweise) ergreift und mitreißt. Diesen unverfügbaren Zug des Schöpferischen bringt in der Antike der Mythos der Musen zum Ausdruck, unter deren Diktat die Dichter und Rhapsoden ihre Persönlichkeit preisgeben, um ausschließlich Medium der Gestaltung zu werden. In späteren Zeiten, in denen der Anruf außerweltlicher Instanzen ohne Erwiderung bleibt, das Problem der Inspiration jedoch weiter fortbesteht, müssen neue Antworten gefunden werden. Eine wichtige Stellung nehmen nun die vielfältigen Stimulanzien ein, die das Schreiben ermöglichen sollen und häufig selbst wieder mythische Qualität annehmen. Für Hofmannsthal kommt die gezielte Manipulation der Befindlichkeit durch Reizmittel allerdings nicht in Frage. Gegenüber Pannwitz äußert er einmal, er sei »völlig abhängig von der Inspiration«, und er fügt hinzu: »Es muß alles hingenommen werden, wies kommt.« Es bleibt also nur die Möglichkeit, genau nachzuspüren, wie Wetter und Landschaft die Gefühle modellieren und im übrigen einer strengen Diätetik zu folgen, um in möglichst guter Verfassung zu sein, wenn die ersehnten günstigen Bedingungen endlich eintreten.


P.S. Sollte jemand anderer Ansicht sein, bitte ich um Erwiderung!



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