Re: Frau ohne Schatten

Re: Frau ohne Schatten


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Urheber : Ellen Ritter Datum : February 11, 19100 at 12:06:01:

Bezieht sich auf Frau ohne Schatten Urheber Gerold Pfirrmann vom February 08, 19100 at 07:01:46:

Hofmannsthal behauptet zwar selbst in einem Beitrag ‚Zur Entstehungsgeschichte der ‚Frau ohne Schatten'', der im Oktober 1919 aus Anlaß der Uraufführung der Oper (10. Oktober 1919) gleichzeitig im ‚Neuen Wiener Journal' und in der ‚Theater- und Musikwoche' abgedruckt wurde: "Zu einer Gestaltung des gleichen Stoffes in erzählender Form, die demnächst erscheint, habe ich die Feder erst angesetzt, nachdem die dramatische, das heißt die Opernform fertig vorlag." In unserer Chronik (HvH online) jedoch ist nachzulesen, daß Hofmannsthal offensichtlich die Unwahrheit schrieb, denn die Arbeit an Oper und Erzählung verlief parallel. S. auch die Kapitel ‚Entstehung' in Band XXVIII (Erzählung) und Band XXV.1 (Oper) der Kritischen Hofmannsthal-Ausgabe.
Weil es bemerkenswert ist, wie Hofmannsthal selbst das Verhältnis zwischen Oper und Erzählung ‚Die Frau ohne Schatten' sah, nämlich unvergleichbar, hier das Zitat aus seinem Brief vom 4. November 1919 an Raoul Auernheimer, den er gebeten hatte, die Erzählung zu rezensieren, nun mit dem Ergebnis aber nicht zufrieden war:
"Nun will ich aber <....> es auch aussprechen dass es mich so überaus überrascht hat, dass Sie in Ihrem Brief diese zwei Gebilde, die Oper u. die Erzählung, einer Art von Vergleichung unterziehen. Und so lebhaft u. unverhohlen ich mir wünschen würde, dass durch eine Anzeige von Ihnen dieses Buch in meiner Vaterstadt denjenigen Menschen, die für ein Phantasieproduct empfänglich sind, anempfohlen würde <....> so bin ich ganz masslos betroffen u. verdutzt davon, daß Ihnen dabei nur im entferntesten der Gedanke kommt - Sie könnten dabei in die Lage kommen, die Existenz einer Oper gleichen Namens auch nur zu streifen und also mit dem Muskkritiker in eine Polemik kommen.
Dies: Die Würdigung einer vor Ihnen liegenden Erzählung, mit einer thematischen Vergleichung dieser Erzählung mit einer Oper, verbinden zu wollen - käme mir, verzeihen Sie, so sonderbar vor, als wollten Sie ausreiten und dabei zugleich mit dem einen aus dem Steigbügel gelösten Fuss spazierengehen. <...>
Eine Erzählung und ein Drama sind doch jedes für sich, wofern sie auf den Namen Poesie Anspruch haben und von einem ernst zu nehmenden Kopf hervorgebracht werden, in sich geschlossene Gebilde, ja geschlossene magische Welten. Wenn sie das Geringste miteinander zu schaffen hätten, im geringsten voneinander Ergänzung oder Belichtung borgen müssten, was für ein unbegreiflicher Mensch wäre ich dann wenn ich - den Schrank voll Scenarien und den Kopf voll Figuren, neun Jahre an die Ausarbeitung der zweiten Form gewandt hätte - wäre sie nicht ein völlig Neues.
Vor dem Versuch, hier Einzelnes, weil es an der analogen Stelle steht, tatsächlich zu vergleichen - stehe ich so ratlos u. befremdet, wie vor einem ganz müssigen Tun. - Der Schluss - ja mein Gott, das letzte Kapitel des Märchens ist eben der Schluss eines Märchens - wo alles bildhaftes Geschehen und beinahe stummes, zauberhaftes, im Kleinsten symbolhaftes Geschehen ist, alles Magie für das innere Auge - und der Schluss der Oper ist eben ein Opernschluss, ganz genau ein Opernschluss, nicht Schluss eines Dramas (einen solchen könnte ich Ihnen skizzieren) sondern Schluss einer OPER, wo vier Personen gleichzeitig den Mund aufmachen u. ihr Inneres aussprechen u. es wird eben ein Quartett daraus! -
Und der Vergleich des "Phantoms eines Jünglings" mit dem "Efrit" aus dem Märchen, ist mir wieder so verwunderlich, als wollte jemand den Hauptmann, später Major, aus den "Wahlverwandtschaften" mit dem Jarno aus dem "Wilhelm Meister" vergleichen, weil eben beide Majore sind. das "Phantom eines Jünglings" in dem Musikdrama - wo alles sich in Charakteren vollzieht, und die Charaktere sich in lyrisch gefärbter Psychologie, in gesungenem Dialog u. Monolog enthüllen - ist zarteste Sehnsucht der Frau, an der Grenzlinie des Verbotenen, Hallucination oder Phantom geworden - ganz im Bereich des durchaus Menschenhaften, zum Moralischen strebenden der Oper, wie sie nun einmal ist. Dagegen in dem Märchen, wo Psychologie ganz subordiniert ist einem Magischen, alle Kräfte vergestaltenden, eben MÄRCHENHAFTEN Geschehen - ist der Efrit Wesen für sich, Gestalt gewordene Unterwelt (Hölle, Chaos) - wie die Ungeborenen Gestalt gewordene Über-menschenwelt (der Zeit nicht untertan, Ahnen zugleich u. Nachkommen) wie das Bergesinnere - das in der Oper nur "Decoration" - dort Gestalt-gewordenes Geheimnis u.s.f.u.s.f.
<...> lassen Sie die Erzählung auf sich wirken wie sie ist, ohne je Ihren Blick zugleich auf das Andere, das Bühnenwerk zu tun <...>"
(Zitiert nach Band XXV.1 der Kritischen Hofmannsthal-Ausgabe, S. 657f. Erstveröffentlichung des Briefes in ‚The correspondance of Hugo von Hofmannsthal and Raoul Auernheimer. Hrsg. v. Donald G. Daviau. In: Modern Austrian Literature 7 (1974), S. 250-252.)





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