Re: Suche Vergleich: Elektra von Hoffmansthal und Elektra von Sophokles

Re: Suche Vergleich: Elektra von Hoffmansthal und Elektra von Sophokles


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Urheber : Sabine Straub Datum : February 15, 19102 at 14:01:21:

Bezieht sich auf Suche Vergleich: Elektra von Hoffmansthal und Elektra von Sophokles Urheber Esther Bernhard vom February 14, 19102 at 11:50:16:

: Hallo wer hat Literaturtipps, oder kann mir einige wichtige Unterschiede aufzählen?!

Hallo Esther,

Hofmannsthal wollte mit seiner Bearbeitung der sophokleischen "Elektra", die sich von der Lektüre der letzteren im Sinne einer Inspiration für ein anderes Stück ("Pompilia"), über den Plan einer Übersetzung des "Sophokles für die moderne Bühne" zu einem eigenständigen Beispiel produktiver Rezeption entwickelte, dem Griechenbild der Klassik (Winckelmann!)ein in die archaische Vorzeit des Mythos zurückreichendes entgegensetzen.[vgl. hierzu Hofmannsthals Brief an Robert Breuer, Sept. 1928, in dem er sein Drama als "völlig neue Dichtung" bezeichnet]
Dieser Rückgriff auf das Griechentum der Frühzeit erfolgt vor dem Hintergrund der Antikenrezeption um 1900, unter dem Einfluss des sog. "Baseler Kreises", der die Erforschung des Mythos, der Mysterienkulte in den Mittelpunkt stellte und dem klassisch-ästhetischen von der antiken Plastik hergeleiteten Antikeverständnis Winckelmanns und Goethes(Edle Einfalt, stille Größe)eine Absage erteilte. Die prominentesten Vertreter dieses Kreises sind Nietzsche, Bachofen, Burckhardt und Rohde.
Hofmannsthal macht die seit Euripides, Aischylos und Sophokles bis Goethe fortschreitende Bearbeitung und Milderung der griechischen Mythologie rückgängig und bringt sie so auf die Bühne, wie sie -nach der zeitgenössischen Mythenforschung- in vorhomerischer Zeit verstanden worden war.
So wurde im Vgl. zu Sophokles bei HvH nur das äußere Handlungsgerüst, der einleitende Monolog Elektras, die vier großen Dialoge und die Schlußszene übernommen. Es fehlen Prolog und Chor, wie überhaupt die bei Sophokles als ordnungsstiftende Instanz stetig präsente Götterwelt den Figuren Hofmannsthals fremd geworden ist.
Der interessanteste Aspekt von H's Bearbeitung ist jedoch die Psychologisierung, oder besser: Psychopathologiesierung des Stoffes: mit der Wendung ins Innere der Figuren wird die Rezeption der zeitgenössischen "Studien über Hysterie" (1899) von Josef Breuer und Sigmund Freud verbunden; deren Fallbeschreibung der ersten Hysterica Anna O (d.i. Berta Pappenheim) diente HvH als Vorbild für die Gestaltung der Elektra-Figur, sowie der Figuren der Klytämnestra und Chrysothemis.
Interessant in diesem Zusammenhang ist auch die kongeniale Umsetzung des Stückes durch Richard Strauss, sowie die Gestaltung des Bühnenbildes, die HvH in einer eigenen Beschreibung schildert (s. Fischer-Taschenbuchausgabe Dramen "Szenische Vorschriften". 1903): hier wird sehr schön der Versuch deutlich, Innerseelisches Erleben durch räumliche und farbliche Mittel zu repräsentieren.
Noch einige Literaturtipps: Einen sehr guten Überblick über die oben genannten Aspekte liefert: Michael Worbs: Nervenkunst.Literatur und Psychoanalyse im Wien der Jahrhundertwende. Ffm, 1983. Allgemeine Arbeiten zu Hofmannsthals Rezeption der Antike: Karl G. Esselborn: H. und der antike Mythos. München, 1969 und Walter Jens: H. und die Griechen. Tübingen 1955.
Weiterhin wären evtl. auch die in jüngster Zeit zahlreich erschienenen Arbeiten zu nonverbaler Kommunikation, v.a. Tanz, Gebärde bei H. wichtig: empfehlenswert hier:
Bettina Rutsch:Leiblichkeit der Sprache-Sprachlichkeit des Leibes. Wort, Gebärde, Tanz bei HvH. Ffm, 1998 und ganz neu: Gerhard Pickerodt: Gebärdensprache, Sprachgebärde, musikalische Gebärde in der Oper "Elektra" (Strauss-H.).In: Isolde Schiffermüller(Hg.):Geste und Gebärde. Innsbruck, 2001, S.135-157.



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