Re: Reitergeschichte

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Urheber : Catherine Schlaud und Konrad Heumann Datum : December 14, 1999 at 14:27:13:

Bezieht sich auf Reitergeschichte Urheber Kusche vom December 11, 1999 at 16:49:07:

: Wer kann mir eine Personenanalyse zu einer Hauptperson der Reitergeschichte erleichtern und mir Informationen zugänglich machen ?
: Vielen Dank

In diesen Tagen hat der Verlag Vandenhoek & Ruprecht den Ladenpreis für Richard Alewyns legendären Band "Über Hugo von Hofmannsthal" aufgehoben. Er wird also bald nur noch antiquarisch zu erhalten sein. Grund genug, Alewyns Analye der "Reitergeschichte" in Erinnerung zu rufen. Wir zitieren nach der 4. Auflage von 1967, S. 79ff.:


Reitergeschichte

Warum muß der Wachtmeister Anton Lerch sterben? Warum muß er so sterben? Nicht den Tod, auf den er vorbereitet ist, einen glorreichen Tod vor dem Feind, sondern -- niedergeschossen wie ein Hund von der Pistole seines eigenen Kommandeurs, einen schimpflichen, einen unnützen, einen grausamen Tod?
Nichts davon ließ der Anfang der Geschichte vermuten, der nichts zu erzählen vorgab als eine Episode aus dem 1848er Krieg der Österreicher gegen die italienische Befreiungsarmee, drei Tage vor der Schlacht bei Custozza. Die Erzählung des Ausritts der Eskadron in der blitzenden Morgenfrühe, ihrer so verwegenen wie glückhaften Streife durch das feindliche Revier, ihrer raschen Siege und ihrer leichten Beute, und ihres kühnen Trabs durch Mailand, die große, schöne, wehrlos daliegende Stadt läßt nichts erwarten als eine der flotten, schneidigen Kriegsnovellen, wie Liliencron sie damals erzählt hatte, wo der Krieg ein sauberes Handwerk ist und der Kampf ein ritterlicher Wettstreit um Sieg oder Heldentod, das eine nicht weniger ehrenvoll als das andere.
Gewiß, am Wege wartet die Gefahr, in den Maisfeldern versteckt, in einer Villa, hinter einer Friedhofsmauer oder auch in unauffälliger Verkleidung: Legionäre, Freischärler, ein Kurier -- sie alle werden entdeckt und ausgehoben, niedergemacht oder gefangen genommen. Gewiß, hier ist Gefahr, aber sie ist greifbar und wird spielend überwältigt. Gewiß, hier wird das Leben gewagt und eingesetzt, aber nicht anders als es zum Beruf des Soldaten gehört. Auf solche Gefahr ist die Eskadron vorbereitet und ist für sie ausgerüstet und mit ihr der Wachtmeister. Er hat sie viele Male bestanden und ihr sein Leben ausgesetzt, ohne daß sie seiner Seele etwas anzuhaben vermochte.
Die Anfechtung, der er erliegt, kommt von einer anderen Seite und im unscheinbarsten Gewand. In dem einen unbewachten Augenblick, in dem er seinen Blick abseits schweifen läßt, und, einer privaten Neugier nachgebend, seine Einheit verläßt, um in ein an der Straße liegendes Haus einzutreten, ist es um ihn geschehen.
Die Gelegenheit ist günstig genug, denn er reitet an der Queue seiner Eskadron, der Anlaß berechtigt genug, denn sein Pferd hat sich einen Stein in das Hufeisen getreten, der Ort unschuldig genug, denn nicht nur das Haus, bei dem er absteigt, ist hell und freundlich, sondern auch das Zimmer, in das er hineinsieht, ist reinlich und gepflegt mit seinem Blumenschmuck und mit seinem mythologischen Zierrat auf dem Mahagonischrank. Aber dem ersten Blick gibt nur ein Teil des Raums sich frei. Was der Spiegel wiedergibt, ist weniger übersichtlich, aber darum um so suggestiver: ein breites, weißes Bett, dahinter eine Tapetentür, durch die sich soeben eine Mannsperson in einen unbekannten Hintergrund zurückzieht, in dem man später Türen schlagen hört. Auch dies mag völlig harmlos sein, aber durch die Art, in der es erzählt wird, erhält es eine versteckte Zweideutigkeit.
Wer ist dieser so korpulente wie geschmeidige und so wohl rasierte Mann? Was hat er hier zu schaffen gehabt? Warum verschwindet er so lautlos? Was hat er zu tun mit der Frau, die verlegen lächelnd in der halbgeöffneten Türe steht? Diese Fragen werden vom Erzähler nicht gestellt, aber sie drängen sich auf, und damit öffnet sich ein dunkler Hintergrund, der auch den hellen und harmlosen Vordergrund in ein Zwielicht rückt. Denn zwielichtig ist auch die beinahe noch junge Frau mit dem etwas zerstörten Morgenanzug, ihren gezierten Manieren, der geschmeichelten Unterwürfigkeit, dem warm und kühlen Nacken und der unappetitlichen Fliege, die sich auf ihrem Haarkamm so zu Hause zu fühlen scheint. Und zwielichtig ist die Erinnerung, die ihre Erscheinung in dem Wachtmeister weckt.
Denn, was den Wachtmeister vom Wege gelockt hatte, war eigentlich das Gesicht dieser Frau am Fenster gewesen, und nach dem er vor ihr steht, erkennt er in ihren üppiger gewordenen Formen ihre frühere Gestalt wieder. Er entsinnt sich noch ihres slawischen Namens und damit der Abende, die er vor langer Zeit mit dieser Frau und ihrem damaligen ,,eigentlichen" Liebhaber in einer undurchsichtigen, aber gewiß nicht unangenehmen Rolle verbracht hat. Und diese Erinnerung, die ihn in die Vergangenheit entführte, verlockt ihn nun in eine noch ausschweifendere Zukunft. Damals war ein anderer der Begünstigtere gewesen, nun aber sieht er sich, noch vom Siegesrausch benommen, schon als den Gebieter einer Haushaltung, in der er wird befehlen und sich bedienen lassen können. Zügellose Gelüste, die eine lebenslange militärische Zucht in ihm unterdrückt hatte, rühren sich in ihm, Wünsche nach bürgerllcher Behaglichkeit, bequemem Genuß und schäbigem Gewinn. Es sind keine sehr glorreichen, vielmehr sehr subalterne Wünsche, aber sie steigen aus unbewußten Abgründen auf überschwemmen sein Bewußtsein und entführen ihn der Gegenwart.
Unmerklich hat sich der Gang der Erzählung verändert. Bisher hatte auch sie sich ausschließlich in der Gegenwart, ja im Augenblick aufgehalten. Vom ersten Satz an hatte sie mit der Knappheit und der Genauigkeit eines militärischen Rapports Stunden und Orte, Namen und Zahlen genannt und hatte sich weder für ein Verweilen noch für ein Abschweifen Zeit gegönnt. Dadurch entstand ein Tempo, das in dem in Satzfetzen sich auflösenden Bericht des Ritts durch Mailand seinen Gipfel erreichte, aber an dieser Stelle auch schon durch die atemlose Erzählung vorüberjagender Impressionen in das Berauschte umgeschlagen war. In dem Augenblick jedoch, in dem sich der Wachtmeister aus dem Verband der Eskadron löst, verlangsamt sich nicht nur die Erzählung und geht in Beschreibung über, sie verlagert sich auch aus der äußeren Wirklichkeit in den inneren Raum. Es werden nun nicht mehr nur sichtbare Dinge dargestellt, es werden auch die Wirkungen beschrieben, die sie auf ein Bewußtsein ausüben, und diese sind nun so bodenlos und phantastisch wie der vorhergegangene Bericht gegenständlich und genau gewesen war. Und mit der Gegenständlichkeit ist zugleich auch die Gegenwärtigkeit aufgehoben. Die Phantasie schweift zurück in die Vergangenheit oder vorwärts in eine lüstern vorweggenommene Zukunft.
Nach der Zeitrechnung können es nur ein paar Minuten gewesen sein, die der Wachtmeister im Hause Vuics verweilt hat. Die Ungeduld seines Pferdes weckt ihn wieder zum Bewußtsein der Gegenwart und seiner soldatischen Pflicht. Aber er kehrt zu ihr nicht zurück, ohne etwas hinterlassen zu haben. Es ist nichts als die Vorbestellung eines Quartiers, aber ihr wird eine eigentümliche Macht zugeschrieben, durch die ein Verhängnis besiegelt zu werden scheint. Es wird gesagt: Das ausgesprochene Wort aber machte seine Gewalt geltend, und um dies zu verstehen, muß man sich in anderen gleichzeitigen Werken Hofmannsthals umtun. Auch der Kaiser in Der Kaiser und die Hexe und Elis im Bergwerk zu Falun haben sich durch ein einziges unbedacht ausgesprochenes Wort wie durch ein Verlöbnis einer dämonischen Macht ausgeliefert, von der der eine sich nur mit dem Aufgebot aller seiner Kräfte befreit, der der andere rettungslos verfällt.
Der Wachtmeister, der sich beeilt, seine Eskadron wieder einzuholen, ist nicht der gleiche, der sie verlassen hat. Er ist hinfort ein Verlorener, die Beute schwärender und schweifender Wünsche. Einmal geweckt, erliegt seine Begehrlichkeit der zweiten Versuchung. Die Hoffnung auf billigen Ruhm und leichte Beute verlockt am Nachmittag den Weiterreitenden abermals vom Wege in ein abseitiges Reich. Aber dieses zeigt nun eine andere Gestalt. Es läßt die ehrbare Maske fallen und zeigt sein lemurenhaftes Gesicht.
Der einsame Ritt des Wachtmeisters durch das öde Dorf ist Mitte und Angelpunkt der Erzählung. Er ist die genaue Umkehrung des mittäglichen Ritts der Schwadron durch Mailand. Dort ein sieghafter Trab unter dem Geläute der Glocken und dem Geschmetter der Trompeten durch volkreiche Straßen, hier ein langsamer, gelähmter Schritt durch ein geisterhaft verödetes Dorf: die Straßen schmutzig, die Häuser verkommen, die Menschen stumm und stumpf die Tiere häßlich und unrein in ihrer schamlosen Kreatürlichkeit und selbst das Spiel der jungen Hunde freudlos und ohne Anmut. Es ist ein licht- und lautloses Schattenreich, durch das der Wachtmeister reitet. Es gleicht der Welt, in die der Kaufmannssohn des Märchens sich verirrt und aus der er den Ausweg nicht mehr findet. Bis in die Einzelheiten erinnert sie an die Schilderungen in Hofmannsthals Militärbriefen. So dürfen wir darauf wohl auch beziehen, was er sich zu dieser Zeit in sein Tagebuch notiert. Unter dem Stichwort Chaos schreibt er auf: totes dumpfes Hinlungern der Dinge im Halblicht (A 124). Und in einer Briefstelle heißt es nach der Beschreibung eines Auflaufs von häßlichen Hunden: Darin lagen alle Mächte des Lebens und seine ganze erstickende Beschränktheit, daß es von sich selbst hypnotisiert ist (August 1895, Briefe I, 164).
In der Tat, wortlos und reglos scheint diese Welt so sehr in sich selbst befangen, daß sie sich dem Fremden gegenüber noch nicht einmal feindlich oder herausfordernd verhält. Sie nimmt von seiner Anwesenheit überhaupt keine Notiz, und gerade das ist es, was sie so gespenstisch macht. Eine verwahrloste Frauensperson, die so nahe vor seinem Pferde hergeht, daß ihren Nacken fast die Nüstern streifen, macht sich noch nicht einmal die Mühe, ihm aus dem Weg zu gehen, geschweige, sich umzudrehen und ihr Gesicht zu zeigen. Willenlos läßt sich ein Kalb zur Schlachtbank führen, und nur ein alter Dachshund sieht ihn müde und traurig an mit dem flehenden Blick der unerlösten Kreatur.
Hier ist keine Gefahr mehr, der man zu Leibe gehen könnte, kein Feind, der sich -- in jedem Sinne -- angreifen ließe, und was hier von dem Wachtmeister gefordert wird, ist etwas ganz anderes als physische Tapferkeit, sondern eine Seelenkraft. Den Schlüssel dazu liefert die oben schon unter dem Stichwort Chaos herangezogene Tagebuchstelle. Ihr geht eine merkwürdige Notiz voran: Magie, Fähigkeit, Verhältnisse mit Zauberblick zu ergreifen, Gabe, das Chaos durch Liebe zu beleben (A 124). Das ist die Forderung, die an den Wachtmeister gestellt wird und der er nicht gewachsen ist. Als er seine Pistole zieht, um sich mit ihr Bahn zu schaffen, versagt sie. Die gleiche Lähmung hatte sich schon seines Pferdes bemächtigt. Schon von Anfang an hatte ihm der schlüpfrige Boden einen langsamen Schritt aufgenötigt, es hatte sich fortan nur mühsam weitergeschleppt, und alle Versuche, es zu einem schnelleren Gang anzuspornen, waren erfolglos geblieben.
Wäre es nicht um das Pferd, so könnten wir überhaupt zweifeln, ob diese Vision, so nüchtern sie beschrieben wird, nicht überhaupt die Ausgeburt des Wahns ist. Aber ist dieses Pferd, wie die Pistole, überhaupt etwas anderes als ein Stück des Wachtmeisters selbst? Ist es nicht, wie man mit Recht gesagt hat, sein unbewußtes Wissen? Und ist es nicht auch das Pferd, das am Ausgang des Dorfes, wo er sich schon entronnen glaubte, das Abenteuer wittert, das dort seiner wartet, das Ungewohnteste und das Erschreckendste, das ihm überhaupt begegnen konnte: sein eigenes Selbst?
Spätestens an dieser Stelle wird offenbar, daß dieser Ort nicht der gewöhnlichen Wirklichkeit angehört. Er liegt ja auch außerhalb der normalen Zeit, wenn gesagt werden kann: ihm war, ah hätte er eine unmeßbare Zeit mit dem Durchreiten des widerwärtigen Dorfts verbracht. Er liegt auch offensichtlich außerhalb des Raums. Denn während alle anderen Orte in dieser Geschichte so genau bezeichnet werden, daß man sie auf der Landkarte wiederfinden könnte, so trägt dieses Dorf als einziges noch nicht einmal einen Namen. Es ist keine irdische Wirklichkeit, die der Wachtmeister durchreitet, sondern eine innere Landschaft, die Landschaft seiner öden und verwahrlosten Seele.
Die Begegnung mit dem Doppelgänger, so weiß es der Volksglaube, ist das Vorzeichen des Todes, und ein vom Tode Gezeichneter bleibt der Wachtmeister seit dem Ritt durch dieses Unterreich, auch nachdem die Wiedervereinigung mit seinen beiden Begleitern ihn in die Wirklichkeit zurückversetzt hat und auch nachdem die hellen Trompetensignale ihn noch einmal dem Zauberkreis entrissen zu haben scheinen. Die greifbare physische Gefahr des Gefechts, die sich durch physisches Handeln bewältigen läßt, ist wie eine Befreiung, vielleicht die letzte Chance einer Rettung. Aber da stellt das tückische Glück dem noch halb Benommenen eine neue Falle, indem es ihm im Taumel des Gefechts die Beute zuspielt, nach der es ihn gelüstet hatte, in Gestalt eines edlen, schönen, jungen Pferdes. Sie wird seinen Untergang besiegeln.
Wenn sich die Eskadron wieder versammelt, ist die Sonne, die am Morgen blitzend über die Felder gestrichen war, die am Mittag unbeweglich an einem metallenen Himmel gestanden hatte, die am Nachmittag über die Dorfmulde die ersten schweren Schatten geworfen hatte, wieder am Horizont angelangt, und die Röte, die sie über den Schauplatz ergießt, mischt sich mit der Farbe des Bluts an den Waffen. Der viermalige Sieg hat die Eskadron in eine fiebrige Erregung versetzt, die so berechtigt wie unschuldig erscheint. Wie trügerisch dieser Anschein ist, bemerken wir erst, als sich der Schuß entladen hat, der den Wachtmeister zu Boden streckt.
Die Exekution des Wachtmeisters ist brutal und ungeheuerlich. Mag auch der Befehl, die erbeuteten Pferde freizulassen, sich auf die militärische Vernunft berufen können, mag auch das Kriegsrecht die Insubordination vor dem Feinde mit dem Tode bedrohen, mag es auch dem örtlichen Kommandeur zugestehen, das Urteil unverzüglich und mit eigener Hand zu vollstrecken, so besteht dazu doch in dieser Lage keinerlei zwingende Notwendigkeit, und das Maß der Strafe steht in keinem vernünftigen Verhältnis zu dem Ausmaß des Vergehens. Was auch immer beim Tode des Wachtmeisters walten möge, mit Vernunft und Gerechtigkeit hat es nichts zu tun. Ist es darum ein sinnloser Zufall?
Alles kommt darauf an, zu verstehen, was in diesem Moment in den beiden Menschen vorgeht, die sich so Auge in Auge gegenüberstehen. Sie sind sich keine Fremden, der Rittmeister und der Wachtmeister. Viele Jahre haben sie eng miteinander gelebt. Immer war der Rittmeister gewohnt gewesen, Befehle auszugeben, der Wachtmeister, sie auszuführen. Aber was sich hier zwischen den beiden ereignet, als aufflackernde Unbotmäßigkeit auf der einen, als jähe Gewalttat auf der anderen Seite, ist mehr als nur der Impuls einer Sekunde. Es hat eine Vorgeschichte, die älter ist auch als die Ereignisse dieses erregten Tages, eine Vorgeschichte, die so lange ist wie ihr Zusammenleben, ja länger als dieses. Es ist ja auch mehr als nur die Beziehung zweier Menschen, was hier für einen unendlichen Augenblick in der Schwebe hängt.
Das Geduckte und Hündische, das in dem Gesicht des Wachtmeisters aufflackert, hat sich angesammelt in jahrelangem Zwang schweigenden Gehorchens. Der bestialische Zorn, von dem es beiseite geschwemmt wird, ist zwar freigesetzt durch die Erlebnisse dieses Tags, aber aufgestiegen ist er aus einer ihm selbst völlig unbekannten Tiefe seines Innern. Nun sieht er den Mann, den er oft gesehen hat, wie er ihn noch nie gesehen hat, den feinen Herrn mit dem vornehmen Namen, den gepflegten Händen, der eleganten Lässigkeit, der blasierten Stimme, der hochmütigen Oberlippe und den verschleierten Augen. Was sich in ihm auflehnt, ist älter als dieser Augenblick, es richtet sich auch gegen mehr als diesen einen Befehl, sondern gegen das ganze Dasein dieses Menschen.
Und der Rittmeister? Es wird kein Spalt seiner Seele geöffnet. Ob in ihm etwas Ähnliches vorging oder ob sich für ihn in diesem Augenblicke schweigender Insubordination nur die ganze lautlos um sich grejfende Gefährlichkeit kritischer Situationen zusammenzudrängen schien, dies, heißt es, bleibt im Zweifel. Aber eben indem er vorgibt, nicht eingeweiht zu sein, lädt der Dichter zu Mut-maßungen ein. Verrät nicht gerade die unter der Lässigkeit der Gebärde verborgene Maßlosigkeit der Handlung, daß auch bei ihm in einer ihm selbst völlig unbekannten Tiefe seines Innern sich in Jahren etwas angesammelt hat, was sich in diesem Augenblick entlädt, wo er zum erstenmal statt des gefügigen Werkzeugs der frechen Auflehnung ins Gesicht blickt. Dann wäre auch seine Handlung zwar gewiß nicht vorbedacht, aber doch auch nicht unvorbereitet.
Erkennt er in dem edlen und eitel tänzelnden Pferd in der Hand des rohen Burschen, erkennt er in dem jungen Offizier mit dem blassen Gesicht, der sein rechtmäßiger Besitzer war, und dem der Wachtmeister die Spitze seines Säbels in die Kehle gejagt hat, seinesgleichen? Fühlt er mit dieser brutalen Gewalttat und der tückischen Aufsässigkeit des Wachtmeisters auch sein ,,ganzes Dasein" in Frage gestellt? Erkennt er zum ersten Male die unbewußte und unbewältigte Bedrohung? Den Aufstand des Gemeinen gegen das Edle, des Häßlichen gegen das Schöne, des zu schweren Bluts gegen das zu dünne Blut? Erblickt er dies alles mit der kühlen Nonchalance, die er vorgibt, oder auch mit Haß oder gar Angst? Sieht seine Handlung nicht einer Notwehr ähnlich? Und ist nicht gerade ihre Brutalität das Eingeständnis einer geheimen Schwäche ?
Dies alles bleibt im Zweifel und damit ist gesagt, daß auch die Geschichte des Rittmeisters geschrieben werden müßte. Um das Verhältnis von Wachtmeister und Rittmeister völlig zu verstehen, müßte man die vielen Stellen in Hofmannsthals Werk befragen, in denen das Verhältnis einer edlen, aber lebensschwachen Oberwelt und einer vitalen, aber rohen Unterwelt als Beziehung oder Bedrohung gestaltet wird, von dem Gedicht Manche freilich... angefangen, über das Märchen der 672. Nacht, die Begegnung des Andreas mit Gotthilff bis zu dem sozialen Aufruhr im Geretteten Venedig, dem Großen Weltheater und dem Turm. Es wäre auch nicht unzulässig, den Konflikt in das Innere zu projizieren und den Rittmeister und den Wachtmeister als Teile eines einzigen Wesens zu verstehen.
Der Erzähler selbst enthält sich jedes Kommentars und jeder anderen Anteilnahme. Er begnügt sich damit, den äußeren Vorgang zu berichten. Aber dieser ist so empörend, seine Kontraste so kraß und sein Ende so erschreckend, daß er im Leser eine Beunruhigung hinterläßt, die ihn nötigt, nach dem Sinn zu fragen.
So knapp und sachlich und ungerührt, wie sie begonnen hatte, wird die Erzählung zu Ende geführt. Die Auflehnung und die Exekution des Wachtmeisters bleibt eine bloße Episode in den siegreichen Kampfhandlungen dieses Tages, ein unerfreulicher, aber unbedeutender Zwischenfall, über den der Rittmeister nach der Rückkehr der Eskadron einen kurzen Rapport erstatten wird, der zu den Akten gelegt werden wird. Anders als der Wachtmeister hat er gegenüber der Herausforderung des Chaos zu handeln gewußt. Seine Pistole hat nicht versagt. Aber bedeutet dieser Schluß wirklich eine ,,Katharsis"? Gleicht er nicht mehr einer Vergewaltigung als einer Bewältigung?
Der Wachtmeister hingegen war bei seinem Tode schon nicht mehr anwesend gewesen. Sein Bewußtsein war schon wieder entführt worden von den gaukelnden Bildern einer trivialen Behaglichkeit, die ihm bisher fremd gewesen war und die in einem unbewachten Augenblick ihn überwältigt hatten und ihn, lockend und lähmend, in einen schimpflichen Tod hineingezogen hatten, der noch rückwärts den Schatten einer Frage wirft auf ein Leben der Zucht und des Gehorsams.



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