Re: Reitergeschichte

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Urheber : Ellen Ritter Datum : December 12, 1999 at 12:06:29:

Bezieht sich auf Reitergeschichte Urheber Kusche vom December 11, 1999 at 16:49:07:

: Wer kann mir eine Personenanalyse zu einer Hauptperson der Reitergeschichte erleichtern und mir Informationen zugänglich machen ?
: Vielen Dank

In meinem Nachwort zur Taschenbuchausgabe der Erzählungen Hofmannsthals: Hugo von Hofmannsthal. Das Märchen der 672. Nacht. Reitergeschichte. Erlebnis des Marschalls von Bassompierre. S. Fischer-Verlag 1997, schrieb ich zur Reitergeschichte:

1898/99, eine genauere Datierung ist mangels Zeugnissen nicht möglich, entstand die 'Reitergeschichte', der einzige einer Reihe von Plänen zu Erzählungen aus dem militärischen Milieu, den Hofmannsthal zu Ende führte und publizierte. Inzwischen waren seine Gödinger Erfahrungen durch eine Waffenübung in den galizischen Garnisonen Tlumacz, im Mai 1896, und Czortkow, im Juli 1898, ergänzt worden. Beschreibungen in Briefen, insbesondere von streunenden Hunden, machen den äußeren Zusammenhang zwischen der erzählten Geschichte und eigenen Erlebnissen besonders deutlich. Trotzdem zeigt sich vom Gehalt her eine weitgehende Emanzipation des Dichters von den privaten Erfahrungen. Gelang deren Verarbeitung im 'Märchen der 672. Nacht' noch mühsam, mit stärkster innerer Beteiligung, so ist hier eine große Distanz dem geschilderten Geschehen gegenüber feststellbar. Dies dokumentiert sich nicht zuletzt in der Form der Novelle und in der Sprache, die sich bewußt an Kleists amtlichem, protokollarischem Stil orientiert.
Die Novelle schildert einen Tag einer Reiterschwadron in der damals noch österreichischen Lombardei im Krieg gegen Italien und spielt nicht zufällig im Revolutionsjahr 1848. Nach mehreren erfolgreichen Scharmützeln am Morgen ziehen die Reiter beim Geläut der Mittagsglocken in das zurückeroberte Mailand ein, strahlend im Glanze des sich in den Waffen und Rüstungen spiegelnden Mittagslichtes, in gehobener Stimmung im Bewußtsein der vorangegangenen Siege. Teil dieser Schwadron ist der Wachtmeister Anton Lerch. Diesem taucht plötzlich in der Menge der Zuschauer ein einzelnes bekanntes Gesicht auf. Unter einem Vorwand löst er sich von seiner Truppe und betritt das Haus, in dem er das Gesicht wahrgenommen hat. Sofort gerät er in den Sog einer schwülen, reizbaren, sexuellen Atmosphäre, die mit der Person der Vuic, der Name der Frau fällt ihm spontan wieder ein, und ihrer Behausung verbunden ist. In seinem ohnehin erregten Zustand ruft die dumpf-behagliche Umgebung in ihm bisher verborgene Wünsche hervor, deren Erfüllung ihm plötzlich möglich erscheint und bewirkt auf diese Weise eine Veränderung seiner Persönlichkeit.
Erinnerungen und Zukunftsphantasien mischen sich in seinem Hirn. Die Anwesenheit eines vermeintlichen Liebhabers in der Wohnung erregt ihn. Er identifiziert sich mit ihm, gleichzeitig aber betrachtet er ihn auch als Objekt seiner eigenen Gewalttätigkeit. Groteske Phantasien, wie er zu benutzen, auszubeuten, zu erpressen sei, bemächtigen sich seiner. Kein einziges Mal kommt ihm ein Gedanke, wie er rechtmäßig Wohlstand erlangen könnte. Schlagartig will er zu Reichtum kommen, so wie er auch die Frau nicht erobern, sondern sich einfach nehmen will. Das Kriegsrecht, das Recht des Stärkeren, will er in das bürgerliche Leben übertragen. Auf Beute ist fortan sein ganzes Trachten gerichtet.
Die Rückkehr zu seiner Schwadron ist rein äußerlich. In seinen Gedanken und Vorstellungen lebt er von nun an in einer ihm eigenen Realität. Eine schizophrene Situation entsteht. Seine Handlungen werden, ungeachtet der realen Erfordernisse, von den Vorstellungen seiner Phantasie beherrscht. Diese zwingen ihn, sich wiederum von der Schwadron zu trennen und das am Rande ihres Weges liegende Dorf in Hoffnung auf eine lohnende Beute zu inspizieren. Vorerst findet er aber nichts als Armut, Schmutz und, als Manifestation seines schizophrenen Zustandes, trifft er beim Verlassen des Dorfes auf seinen Doppelgänger. Erst das sich anschließende Gefecht, an dem er mit einer Leidenschaftlichkeit wie nie zuvor teilnimmt, beschert ihm ein Offizierspferd, einen Eisenschimmel, "leicht und zierlich wie ein Reh", dessen Verlust ihm mehr bedeutet als der seines Lebens.
Der Prozeß einer Individuation wird am Beispiel des Wachtmeisters aufgezeigt. Er beginnt mit dem kurzen Absentieren von der Schwadron beim Einzug in Mailand. Hatte der Wachtmeister bisher mit seinen Kameraden eine Einheit gebildet, die nur in der Gegenwart lebte und nichts als die gerade stattfindenden Ereignisse wahrnahm und für wichtig hielt, richten sich von nun an, ausgehend von einer kurz aufblitzenden Erinnerung, seine Gedanken mit Gewalt auf die Zukunft. Eigene Wünsche und Begierden erwachen. Allerdings sind sie Klischeevorstellungen, die mit der individuellen Persönlichkeit des Protagonisten, die überhaupt keine Zeit hatte, sich zu entwickeln, wenig zu tun haben. Die "Zivilatmosphäre" mischt sich mit der militärischen zu einer "Atmosphäre von Behaglichkeit und angenehmer Gewalttätigkeit", einem Konglomerat von romanhaften Phantasien und unwirklichen Gegenwartserfahrungen. Das Selbstbewußtsein ist zwar erwacht, doch es ist nicht das reale, sondern ein imaginiertes Ich, das hier Gestalt gewinnt.
Der Veränderung in der Wahrnehmungskraft des Wachtmeisters entspricht die erzählerische Perspektive. Die Schilderung beginnt von einem erhöhten, überblickenden Standpunkt aus. Die Schwadron wird als ganzes gesehen und beschrieben. Sie besteht aus der Summe der aneinandergereihten Zahlen, Namen und Fakten. Eine Vielzahl von Vorgängen wird kurz und oberflächlich aufgezählt. Im Mittelpunkt des Interesses steht die Schwadron, den Höhepunkt bildet ihr triumphaler Einzug in Mailand.
Hier ändert sich die Perspektive. Das Interesse des Erzählers richtet sich auf ein einzelnes Mitglied der Schwadron, den Wachtmeister Anton Lerch, der ausschert. Indem er das Haus betritt, werden alle Wahrnehmungen aus seiner Perspektive erzählt. Er sieht die Frau, er erinnert sich an das, was er von ihrer Vergangenheit weiß, er nimmt ihren Liebhaber wahr ebenso wie die spießige Wohnungseinrichtung und selbst die Fliege, die über einen Kamm läuft. Durch diese plötzliche Beschreibung von geringfügigen, auch unschönen Details, von langsamen Bewegungen, wird eine halbreale Atmosphäre evoziert. Die davon hervorgerufene Vorstellung eines völlig irrealen, aus seiner Sicht angenehmen Lebens wird zum Ziel der Begierden des Wachtmeisters.
Er gliedert sich zwar wieder in die Reihe seiner Schwadron ein, doch von nun an gehört er nicht mehr dazu. Seine Empfindungen unterscheiden sich von denen seiner Kameraden, er separiert sich von neuem, sein Interesse ist nicht mehr auf militärische Eroberung im Dienste seines Kriegsherren gerichtet, sondern auf persönliche Bereicherung zum Aufbau seiner privaten Existenz. Die Erzählperspektive hat sich inzwischen in den Wachtmeister hineinverlagert und zwingt die Leser, im ausgedehnten Mittelteil der Erzählung, seine immer extremer und eigentümlicher werdenden auf winzige Details wie den Lockenbund am Nacken der vorbeigehenden Frau gerichtete Wahrnehmungen zu teilen. In dieser teleskopischen Sichtweise verlangsamen sich alle Bewegungen in einer unnatürlichen Weise. Außer dem Dröhnen der Pferdehufe über das Steinplaster gibt es keine Geräusche. Die Irrealität erfährt noch eine Steigerung und wird zum Alptraum, der seinen Höhepunkt im Zusammentreffen mit dem Doppelgänger erreicht, ein plötzlicher Akt der Selbsterkenntnis und eine Warnung zugleich.
Die Schilderung des anschließenden Gefechtes, in dem der Wachtmeister sein Beutepferd gewinnt, entspricht derjenigen der morgendlichen Begebenheiten am Beginn der Erzählung. Doch ist das Augenmerk jetzt ausschließlich auf den Wachtmeister gerichtet. Vorbereitet durch die Teilnahme an seinen innersten Erlebnissen beim Ritt durch das Dorf wissen wir, daß hier nicht vorwiegend ein Gefecht erzählt wird, sondern das aktiv gewordene Streben des Protagonisten, seine gerade wahrgenommene innere, wenn auch unreife Individualität nach außen hin zu etablieren durch den Erwerb von Besitz, dem Beutepferd. Dieses Pferd abzugeben, käme aus seiner Sicht einer Selbstaufgabe gleich. Zu weit ist er inzwischen von seinem Ich desselben Morgens entfernt, um seine Person den Interessen der Schwadron zu unterwerfen. Es gibt für ihn keinen Ausweg.
Wieder ist es der Weg in den Tod, der auch in dieser Erzählung geschildert wird. Doch wie sehr unterscheidet er sich von dem des Kaufmannssohnes. Dessen Verhängnis bestand darin, daß er sich von jeder Gesellschaft isolierte und der Ausbruchsversuch aus seiner Traumwelt ihm den Tod brachte. Umgekehrt ist der Wachtmeister zunächst nur ein unselbständiger Teil seiner Schwadron, als solcher aber ganz der Wirklichkeit verhaftet. Die plötzliche Erfahrung seiner Individualität und das damit verbundene Abgleiten in eine irreale Welt führen seinen Tod herbei. In beiden Erzählungen führt die Konfrontation einer imaginierten Welt mit der Wirklichkeit zur Katastrophe.



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