"man muss eben auch seine Krankheiten als Sensationen nützen"

Über Hofmannsthals Besuch der Mozart-Centenarfeier in Salzburg im Juli 1891

Ellen Ritter, Bad Nauheim

©Navigare.de 9.1999

Eine Tagebuchaufzeichnung Hofmannsthals, während seines Aufenthaltes in Salzburg im Juli 1891 niedergeschrieben und seinen damaligen Zimmergenossen und Schulfreund Paul Clairmont betreffend, war bisher rätselhaft. Durch die freundliche Mithilfe dessen Sohnes, Herrn Professor Dr. Christoph Clairmont, gelang es, die betreffende Stelle zu erklären. Ich danke Herrn Professor Clairmont herzlich für sein Interesse und die tätige Unterstützung.

 

Zur Feier des 100. Todestages von Wolfgang Amadeus Mozart hielt sich der siebzehnjährige Hofmannsthal vom 14. bis zum Morgengrauen des 18. Juli 1891 in Salzburg auf. Sein Bericht über die offiziellen Feierlichkeiten erschien im ersten Augustheft der ‚Allgemeinen Kunst-Chronik'. Er ist, wie die meisten seiner Zeitungsbeiträge dieser frühen Zeit, "Loris" signiert, da es Gymnasiasten damals nicht erlaubt war, unter ihrem richtigen Namen zu publizieren.

Über diesen Salzburger Aufenthalt schrieb Hofmannsthal im Rückblick an Arthur Schnitzler: Ich habe dort in 4 Tagen und 2 Nächten die concentrierteste Menge von Eindrücken zusammengetrunken, die mein Nervensystem überhaupt vorläufig erträgt (BW 10). Das entgegen seiner Gewohnheit in diesen Tagen ausführlich geführte Tagebuch demonstriert, daß Hofmannsthals Aussage nicht übertrieben ist.

Alles was in der Österreichischen Kultur- und Gesellschaftswelt Rang und Namen hatte, fand sich zu dieser Zeit in Salzburg ein. Hofmannsthal, in Gesellschaft Hermann Bahrs, den er vor einem Vierteljahr erst kennengelrnt hatte, erfuhr nicht nur auf gemeinsamen Spaziergängen intime Einzelheiten aus dessen Leben, sondern lernte durch ihn eine Menge neuer Menschen kennen. Vom 15. bis 17. Juli dauerten die offiziellen Feierlichkeiten. Sie begannen Mittwoch, den 15. vormittags mit der Aufführung von Mozarts Requiem im Dom. Die Messe wurde vom Erzbischof persönlich zelebriert. Am Nachmittag fand eine Festversammlung statt. Deren enthusiastische Stimmung wird auch in dem Bericht der Wiener ‚Neuen Freien Presse' deutlich: "In der Nachmittags abgehaltenen Festversammlung in der schön decorirten Aula hielt Bürgermeister Dr. Hueber die Begrüßungsrede, in deren Einleitung er die Anwesenden aufforderte, auf den Kaier als Schirmer und Schützer der Kunst und Wissenschaft ein dreifaches Hoch auszubringen, welcher Aufforderung das Publicum stürmisch Folge leistete. Nun kam die Festrede Dr. Hirschfeld's, und den Schluß bildete Grillparzer's Gedicht an Mozart, von Georg Reimers trefflich vorgetragen. Bewunderung erntete eine neue lebensgroße Büste Mozart's von Meister Tilgner, welche an der Stirnseite der Aula unter Blumen und Laub eingestellt war." (NFP 16.7.1891)

Durch den, entgegen aller Erwartung doch noch stattfindenden Fackelzug wurde die Stimmung weiter gesteigert. Auch darüber berichtet die ‚Neue Freie Presse': Der Zug "formirte sich trotz strömenden Regens um 9 Uhr Abends und zog unter klingendem Spiele programmgemäß durch die Stadt. Alle officiell angemeldeten Fackelträger betheiligten sich, außerdem schlossen sich überall Festgäste und Künstler an, im Ganzen 1900 Personen. Der Mönchsberg und der Capuzinerberg erstrahlten in elektrischem und bengalischem Lichte. Alle Häuser waren illuminirt und in den Straßen wogte eine dichtgedrängte Menge. Den Ausgangspunkt des ‚Zuges' bildete Mozart's Wohnhaus, dann ging man zu seinem Geburtshause und schließlich zu seinem Denkmale, wo Hunderte von Stimmen Mozart's ‚Bundeslied' gesungen und Kränze niedergelegt wurden." (NFP 16.7.1891)

Hofmannsthal teilte sein Salzburger Zimmer mit einem Schulkameraden, dem um ein Jahr jüngeren Paul Clairmont. Dieser war verspätet dort eingetroffen. Ein grauenvolles Erlebnis hatte ihn aufgehalten. Hofmannsthal vermerkt in seinem Tagebuch bei seiner Ankunft in Salzburg: Clairmont nicht hier, las in Bruck Unglücksfall. Darüber berichtete die ‚Salzburger Chronik’ vom 17. Juli 1891 (27. Jg. Nr. 160, S. 3): "Eine Dame abgestürzt. Am 5. d.M. ist in Oeblarn eine Dame abgestürzt und am nächsten Tag als Leiche aufgefunden worden. Die Verunglückte war eine Wienerin Namens Clairmont, die Schwester des Güterschätzers im Oberhofmaraschallamte Herrn Wilhelm Clairmont1. Ihr Neffe, mit dem die Unglückliche einen Ausflug machte, der Sohn des eben genannten Herrn Clairmont, versuchte die 65 Jahre alte Frau zu retten, stürzte aber gleichfalls ab, ohne jedoch erhebliche Verletzungen zu erhalten." Das Sterberegister von Öblarn, Steiermark, vermerkt als Todesursache des "Fräulein Clairmont Pauline2, eheliche Tochter des Herrn Karl Gaulis Clairmont3 und der Frau Antonia geborne Ghilain v. Hembize4 geboren in Wien 27. Juli 1825, ledig, kath. Religion, wohnhaft in Wien Reisnerstraße 40.": "Stickfluß in Folge Ertrinkens /: abgestürzt bei einer Fußtour in der Walchen :/" In der Pfarrchronik von Öblarn findet sich der folgende Eintrag: "Am 6. Juli verunglückte durch Absturz in dem Walchengraben Frl. Pauline Clairmont Wien, am 7. Juli wurde sie im Bach todt aufgefunden und in der Todtkapelle im Friedhofe aufgebahrt; am 9. Juli wurde sie feierlich beerdigt. Für Überlassung der Todtenkapelle zur Aufbahrung wurden der Kirche 5 fl gezahlt, womit hernach die Kapelle außen und innen geweißnet wurde." (Nachforschungen von Frau Else Petri, Baden b. Wien)

Fünf Tage waren also erst seit der Beerdigung der Tante vergangen, als Paul Clairmont schließlich in Salzburg eintraf. Am Abend des 14., bei seiner Rückkehr in sein Zimmer, fand Hofmannsthal einen Zettel seine Freundes vor, der für den nächsten Tag die Ankunft eines weiteren Schulkameraden, Kestranek, ankündigte.

Vom folgenden Morgen berichtet Hofmannsthal: Ich erwache trotz Clairmonts Wecker erst wie er schon angezogen und Kestranek herein kommt; schicke sie zu Tomaselli (Pavillon) und komme nach zu Tomaselli (Cafféehaus). Nach der Aufführung von Mozarts Requiem aß er zusammen mit Clairmont und Kestranek. Danach begleitete er letzteren zur Bahn, während Clairmont ins Mozartarchiv geht und Bahr bei Dora einen Besuch macht. Mit Kestranek führte er ein Gespräch über seine Eigenart und Familienverhältnisse (hyst. Schwestern, Pflichtgefühl des Bruders, häuf. Streit). Während eines Gewitters vor dem Fackelzug hielt er sich in Bahrs Zimmer auf, um danach an dem Umzug teilzunehmen. Das Pathos dieser Veranstaltung, wie es auch aus der oben zitierten Zeitungsmeldung deutlich wird, teilte sich Hofmannsthals mit. Seine etwas rätselhaften Aufzeichnungen sprechen in diesem Zusammenhang von "Gott erhalte", versäumte Sensationen, Alkibiades, Musik oder Mysterienbühne5. Er fährt fort: ich soupiere bei der Krone, weil Bahr mit S. bei Pitter; während ich esse, kommt Clairmont vom Stein6 aus der Gesellschaft der Philharmoniker, liest erregt die Berichte über seinen Unglücksfall, wir gehen schlafen.

Donnerstag 16.

I Concert in der Aula. Mit Clairmont u. Konrad zu Tisch. Mit Bahr am Aussichtsthurm (Wilhelm Meister, die farbigen Gläser, die Aigues-mortesstimmung auch aus dem Salbzburgerbild zu construieren7) wir sitzen in einem kleinen Gasthaus, ich schreibe ein paar Verse u. Bemerkungen für "Gestern". Über die Treppe hinunter. (Krastel als Max, "Linzer Liebe")

Gartenfest, Regen; treffe Clairmont. (König Ludwig u. Kainz) Bahr mit S. bei Pitter; ich begegne Clairmont. Die Nacht. das ewige Verirren.

Die folgende Nacht wurde für Hofmannsthal zu einem der denkwürdigsten Ereignisse seines Lebens. Es scheint, daß Paul Clairmont sich des schrecklichen Unfalls, vielleicht durch die Lektüre der Zeitungsberichte, erst richtig erinnerte. In der Nacht kam es zu heftigen Anfällen, deren er sich später nicht mehr bewußt war, die Hofmannsthal aber fürchterlich erschreckten, um so mehr als er sich schon die vergangenen beiden Tage über in einer exaltierten Stimmung befand. Seine erhaltenen Tagebuchaufzeichnungen sagen nicht viel darüber. Monolog in der Nacht: die grenzenlose Einsamkeit, Trost das Notieren währenddem Pauls Anfälle. Mehr erfahren wir aus einem Brief, den er kurz darauf, am 22. Juli aus Bad Fusch, wieder in der sicheren Obhut seiner Eltern, an einen weiteren Schulfreund, Edmund Hellmer, schickte. Er wurde 1981 von Rudolf Hirsch in seinem Beitrag ‚Hofmannsthal und Stefan Gruß. Zeugnisse und Briefe.' In: Literatur aus Österreich. Österreichische Literatur. Ein Bonner Symposion. Hrsg. v. Karl Konrad Polheim, Bonn 1981, S. 236-238 veröffentlicht (jetzt in: R. Hirsch: Beiträge zum Verständnis Hugo von Hofmannsthals. Frankfurt am Main 1995, S. 419-421). Hofmannsthal berichtet darin über seine alptraumhaften Salzburger Erlebnisse: Ich habe in den 4 Salzburger Tagen zwar von Deinem Vater keine Spur gesehen, aber so viel oder so vieles auf so engem Raum zusammenerlebt, dass es sich höchstens in einer stark instrumentierten Symphonie darstellen liesse oder etwa auf einer Mysterienbühne, wo oben, unten, rechts und links zugleich gespielt wird. Ich werde vielleicht einmal versuchen das zu schildern, aber da ich während der 4 Tage nur 10 Stunden geschlafen habe, die Nächte also keine Abschnitte machen, so lässt es sich schwer gliedern. Jetzt ist in meinem Kopf noch ein so heilloses Durcheinander von wirren Sensationen, losgerissenen Tönen, einzelnen Worten, Momentbildern, grellen Lichtern, Fackeln, Fahnen, Glocken, Geigen, Frauen, Häusern, Gesichtern, dass sich zuweilen das Vergangene mit unheimlicher Deutlichkeit ins gegenwärtige Bewusstsein drängt und ich Augenblicke lang zwischen dem um mich und in mir nicht unterscheiden kann. Dann wieder erscheint mir die ganze Geschichte so weit, längst verlebt und halb verwischt oder gar geträumt oder einmal gelesen, irgend wo irgend wann. Ich habe mit mir selbst experimentiert, mir Eindrücke suggeriert bis zur Bewusstlosigkeit aus der Bühne in die Kirche, vom Bergwerk ins Caffeehaus, aus dem Conzertsaal in die Caserne; jedes Gespräch abgebrochen, jedes Bild durch ein neues verwischt; mein ganzes Selbst wie ein umgekehrter Handschuh nach aussen gewandt, mein Bewußtsein ein Durchhaus für Empfindungen; Weltanschauungen wechselnd wie Cravatten jede auf den Trümmern der vorhergegangenen schillernd. Grundstimmung die eines rollenden Steines, m v 2/2 unabsehbar wechselnd. Nach 48 Stunden hatte ich genug. Wollte aufhalten. Da gab mir das erzürnte Schicksal, oder mein daimon einen Tritt und warf mir zwischen wehenden Fahnen, Champagnerflaschen, Gewittern, Trompeten die Frau in den Weg. Kurz eine Frau ... oder mich ihr in den Weg. Dazwischen dröhnte immerfort der unbarmherzige Festlärm, meine Füsse giengen dahin, dorthin, und mein Mund sprach Gespräche. Die Nacht darauf (vom 16 auf den 17ten) benützte unser Freund Clairmont, um 3 Uhr morgens, irgend etwas zu kriegen: einen Nervenanfall, Epilepsie, weiss Gott welchen Krampf infolge der Aufregungen und Anstrengungen des Abstürzens und Suchens der Leiche im eiskalten Bach, kurz er schreit, ringt mit mir, die Augen weit offen ... was weiss ich, es war halbdunkel, ich selbst halbverrückt, dazu schlaftrunken. Bitte, sprich auch nichts davon, ich halte die Geschichte für ungefährlich und habe auch dem Vater eine möglichst beruhigende Darstellung gegeben. Ich bringe ihn also zu Bett, hole den Hausknecht, Kellner, Wirt, ziehe mich an, stelle jemand vor die Türe und laufe telegraphieren. (4 Uhr Früh) Gehe zu Bahr um mich zu waschen, Bahr eben erst nachhause gekommen, sieht mich blöde an, legt sich vor mir ins Bett und hält am kommenden Tag meinen ganzen Besuch in seinem Zimmer und meine Erzählung für einen Traum. Alle Gast- und Kaffeehäuser noch zu, feuchtkalter Nebel, ich zittere vor Kälte. Gehe nachhaus, alles ruhig, Hausknecht eingeschlafen. Clairmont richtet sich im Bett auf, fragt wieso ich auf bin weiss von gar nichts. Am Boden liegen zerknitterte Polster, umgeworfene Sessel, unsere Uhren, Cravatten, der umgestürzte Kleiderstock. Clairmont dreht sich um und schläft ein. Ich gehe auf den Capuzinerberg, weil mich die Mauern ängstigen. Sonnenaufgang. Der stille Wald ängstigt mich so, dass ich zu laufen anfange, die Steintreppen hinab, an Heiligenbildern vorbei, weisse Birkenstämme dazwischen das kalte Frührot, von unten die Morgenglocken wie in einem schlechten Roman. Endlich wachen die Menschen auf. Frühstücke bei einem Bäcker zwei Wecken und ein Glas Wasser. In die Stadt zurück. Begegne Clairmont, der sich ganz wohl fühlt, nur matt und zitternde Hände und, da er sich an nichts erinnert, durch keinen Vorwand vom Besuch des zweiten Conzertes abzuhalten ist. Telegramme von seinem Vater kommen, er lacht mich aus. Vater telegraphiert später auch an mich, dass Paul als Kind an "Anfällen" gelitten seither allerdings nicht, ich soll ihn bewegen, gleich nach Gastein zu fahren. Er will nicht. Hol ihn der Teufel! Er scheint auch ganz wohl und ruhig. Ich halte das Concert nicht aus sitze indessen mit Bahr, Reimers, Berger, ein paar Comiteemitgliedern, darunter ein junger Arzt im Caffee Tomaselli. Ich und Bahr erzählen dem Nervenarzt die Geschichte der Nacht. Er räth mir mit Clairmont nicht allein zusammen zu sein, da meine Erregung auf ihn, der seinerseits erregt und telepathisch empfänglich einwirken und ich in der Nacht unbewusst einen zweiten Anfall provocieren könne. Gottlob speist Clairmont in einer Gesellschaft gemütlicher Philharmoniker, schlechter Nervenleiter, geradezu Isolatoren. Währenddem packe ich. Bin mit Bahr zu einem Herrn vom Comitee zu Tisch geladen, dessen Frau eben ... na kurz und gut ... das auch noch. Dort grosse Gesellschaft, ich der einzige mit schwarzer Cravatte; halb unterm Essen fahren die Wagen vor und wir auf den Gaisberg. Von dort ins Theater, Figaro, ungekürzt (von 7-11). Die feuergefährliche Bude menschenüberladen, in jeder Loge 8 Personen, alle Gänge gedrängt voll. In dem engen Raum, Blumen, Frauen, Musik alles nah und erstickend deutlich. Nach dem Theater Banquett im Cursalon, meine Nachbarin ... das auch noch. Nach ein paar Minuten sehe ich auf die Uhr. Es ist halb drei Um drei geht mein Zug. Ich fahre nämlich nachts, habe schon den Fuscher Wagen an die Bahn bestellt, niemand weiss es, Bahr nicht einmal, ich nehme von niemand Abschied; denn ich weiss, dass der Mann ... kurz der Herr vom Comitee mir antragen würde, bei ihm zu schlafen und dass ich dann nicht nein sagen würde und ... Um 9 Uhr am andern morgen bin ich in der Fusch angekommen.

Paul Clairmont 1892

Paul Clairmont im Jahr 1892

Paul Clairmont hat diese Tage und das schreckliche Erlebnis ohne weitere Folgen überstanden. Von irgendwelchen Anfällen ist seiner Familie nichts bekannt. Er studierte Medizin, wurde Chirurg und schließlich 1918 als Nachfolger von F. Sauerbruch nach Zürich berufen. Er war Professor für Chirurgie und Direktor des Kantonspitals in Zürich. Er kam aus der ‚Wiener Schule’ (Billroth, von Eiselsberg) und hat in Zürich eine ganze Generation von Ärzten herangebildet. Die Familie Clairmont stammte aus England und kam ca. 1820 nach Wien. Paul Clairmont hatte bei seiner Geburt noch die englische Staatsangehörigkeit, wurde dann Österreicher und später Schweizer. 1921 heiratete er die Schweizerin Emy Koller (1893-1986). Sein Sohn Christoph wurde 1924 geboren. Beim Tode seines Vaters am 1. Januar 1942 war er erst 18 Jahre alt. Der Vater hatte seine Bekanntschaft mit Hofmannsthal ihm gegenüber nie erwähnt. Paul Clairmont war ein begeisterter Musiker. Er spielte Cello in einem Quartett, das enge Beziehungen zu Johannes Brahms hatte. Daher hielt er sich in diesen denkwürdigen Tagen in der Gesellschaft der Philharmoniker auf, wo er, Hofmannsthals Bericht zufolge, auch gut aufgehoben war.

Paul Clairmont während einer Vorlesung im Universitätsspital Zürich

Was Hofmannsthal wohl auch an Paul Clairmont interessiert haben mag, waren dessen verwandtschaftlichen Beziehungen zu den englischen Romantikern Shelley und Byron. Die verunglückte Tante Pauline war sehr eng mit ihrer Tante Clara Mary Jane, genannt Claire, Clairmont (1798-1879) verbunden, der sie in ihren letzten Lebensjahren in Florenz den Haushalt führte. Diese Claire Clairmont war die Geliebte Lord Byrons gewesen, und hatte von ihm eine Tochter, Allegra (1817-1822). Ihre Liebe verlief unglücklich, Byron verließ sie noch vor der Geburt des gemeinsamen Kindes. Dieses selbst starb im Alter von 5 Jahren im Kloster Bagnacavallo bei Ravenna. Claire lebte seit 1815 im Haushalt von Percy Bysshe Shelley (1792-1822) und dessen zweiter Frau, Mary Wollstonecraft (1797-1851), die wiederum eine Stiefschwester Claires war. Doch auf diese verwandtschaftlichen Beziehungen weiter einzugehen, würde zu weit führen.8 Jedenfalls war Paul Clairmont, nicht zuletzt auch wegen ihrer Beziehungen zu Claire, sehr oft mit seiner Tante Pauline zusammen. Sicherlich war dies auch ein wichtiges Gesprächsthema zwischen ihm und Hofmannsthal.

Die Notizen, die Hofmannsthal unter dem Eindruck der Nacht zum 17. Juli 1891 aufzeichnete, sind typisch für den zu dieser Zeit der ‚décadence’ verpflichteten angehenden Dichter, von dem Hermann Bahr ein halbes Jahr später, in seiner Kritik von Gestern, sagt: "Er sieht auf das Leben und die Welt, als ob er sie von einem fernen Stern aus sähe". Nach Bahr erlebt Hofmannsthal mit den Nerven, den Sinnen und dem Gehirne, aber "er empfindet nichts", ganz so wie die französischen Sensualisten mit denen sich Hofmannsthal um diese Zeit so sehr beschäftigt. Auch wenn gerade sie hier, mit Ausnahme von Barrès, nicht genannt werden, so sind doch Paul Bourget, Théophile Gautier und Joris-Karl Huysmans im Hintergrund präsent. Die Aufzeichnungen verbinden in Stichworten reale Erlebnisse und sexuelle Phantasien mit literarischen Reminiszenzen und Einfällen zu eigenen Arbeiten und stellen den Versuch dar, die unterschiedlichen auf ihn einstürzenden Gefühle unmittelbar in dichterische Produktivität umzusetzen. Sie sind teilweise in Stenographie niedergeschrieben; am Ende verwandeln sich die stenographischen Zeichen von Schleier der Maya in den Namenszug Marianne, möglicherweise der Name der im Brief an Hellmer erwähnten Frau. Die Bemerkung zu Sünde des Lebens bezieht sich auf eine Kritik des Freundes Stefan Gruß.

Seine damalige Stimmungslage formuliert Hofmannsthal noch im selben Jahr in Age of innocence: Er empfand plötzlich eine Sehnsucht darnach, in fremde Zimmer hineinzuschauen und fremde Menschen fühlen zu fühlen.

Die "Anderen" hatten für ihn einen Sinn bekommen..

Er hatte einen neuen Reiz des contemplativen Lebens entdeckt. (SW XXIX 20,9-12)

Die Notizen lauten:

Monolog in der Nacht: die grenzenlose Einsamkeit, Trost das Notieren währenddem Pauls Anfälle

kartenspielende Frau: Handbewegungen: Ich kann nicht; Kinn in der Hand, Berühren beim Zahlen

ich sehe in vaguem Liebeszustand bei dem Fenster hinein das Kind, das SICH GEGEN DIE WAND DREHT WENN DER Vater ekelhafte BEWEGUNGEN MACHT9

ich beeilte MICH IHM ZU SAGEN: (dieses Wort HAT EINE TIEFERE BEDEUTUNG DURCH DIE IRONIE DIE DARIN LIEGT) DASS MEIN GEDICHT SÜNDE DES LEBENS MIR FREMD GEGENÜBERSTEHE

Salzburg

Forster: maigre - femme

revêtie tous les costumes: Burg, Villa Symptôme des Wohlbefindens: LUST ZUR CHRISTSTUNDE LÜGEN

Châteaubriand

Fackelzug Révolution Sensationen die der Zufall ERSCHLIESST: besoin d'embrasser toutes les sciences pour embrasser toutes les sensations

Barrès-Loyola Mystische Bewegung

Maeterlink-Tauler Myst. Ruhe

Analyse zuerst als Krankheit, jetzt als Genuss empfunden; man muss eben auch seine Krankheiten als Sensationen nützen Reaction des esprit gegen den Ernst Zolas

Wille zur Macht, den uns Nietzsche systematisiert hat (Brief von Gruss) ein niederer Grad in mir ist das Schreien Wollen, sich heftig bewegen wollen rücksichtslos und pathetisch sein

SCHLEIER DER MAYA MARIANNE MARIANNE . . .

ALLE JAHRE EINE STUNDE FLIEGEN

LITTERATUR

Am 11. September 1891 schreibt Hofmannsthal an Hermann Bahr: für zwei oder drei Deutsche, die sich auch in ihr Tagebuch verliebt haben, möchte ich gerne schreiben können. Ich möchte gern auf Ihre russische Reise mit einem "Salzburger Tagebuch" antworten, das eigentlich nur für Sie geschrieben wäre. Ich bin jetzt in der Stimmung, alles, was mir dort begegnet ist, symbolisch zu sehen, und möchte gern beweisen, wie unendlich viel, ja eigentlich alles im Keime in der kleinsten Episode enthalten sein kann. (B I, S. 31) Diesen Plan hat er nicht ausgeführt.

Felix Salten erinnert sich später (Tage in Salzburg. NFP Nr. 24024, 2. August 1931) an Hofmannsthal: "Einen Sommer vorher, Anno 91, schrieb er für die "Kunstchronik", die ich damals redigierte, den Essay über die Mozart-Zentenarfeier, das "Salzburger Nockerl", wie er diese Arbeit nannte, als er ihr Manuskript überbrachte. Er war ein sechzehnjähriger Knabe und ich ein junger Mensch von Einundzwanzig."

 

 

Ausführlich berichtete die Wiener ‚Neue Freie Presse‘ von dem Unfall Pauline Clairmonts. Ihre sich immer wieder korrigierenden Mitteilungen geben einen amüsanten Eindruck von der damaligen Art der Zeitungs-Berichterstattung.

NFP Nr. 9654 vom 13. Juli 1891 Abendblatt:

[Tod durch Absturz.] Aus Graz wird uns gemeldet: Eine Engländerin, deren Name Pauline Claimund lauten soll, kam am 5. d. mit ihrem Neffen in Oeblarn in Obersteier an und unternahm am folgenden Tage in Begleitung des Neffen einen Spaziergang in der Richtung gegen den Sonnberg. Bei diesem Spaziergange ist die Dame von einem Felsrücken abgestürzt. Obwohl sofort Anstalten getroffen wurden, um sie aufzusuchen und zu retten, konnte sie erst am folgenden Tage als Leiche aufgefunden werden.

NFP Nr. 9555 vom 14. Juli 1891 Morgenblatt:

[Tod durch Absturz.] Über das Unglück in Oeblarn wird uns aus Graz noch gemeldet: Einem neueren Brichte zufolge war die in Oeblarn durch Absturz in den Walchenbach verunglückte Frau Clairmont aus Wien, stand im Alter von 67 Jahren und soll sehr reich gewesen sein. In ihrer Begleitung befand sich ihr achtzehnjähriger Neffe.

NFP Nr. 9655 vom 14. Juli 1891 Abendblatt:

[Tod durch Absturz.] Fau Pauline Clairmont, welche am 6. d.M. in Oeblarn bei Irdning (Steiermark) abstürzte und den Tod fand, entstammte einer altenglischen Familie und war eine Schwester des in Wien, Reisnerstraße Nr. 40 wohnhaften Schätzmeisters und Sachverständigen in land- und forstwirthschaftlichen Angelegenheiten, Herrn W.G. Clairmont. Die Familie hielt sich vor Jahren in Australien auf, wo dieselbe eine Farm besaß. Frau Clairmont, eine 65jährige Dame, befand sich in den letzten Jahren zumeist auf Reisen auf dem Continente. Sie war sehr rüstig und eine eifrige, ausdauernde Touristin. Zu Beginn dieses Monats besuchte sie ihren Bruder und begab sich am 4. d. mit dem Sohne desselben, dem 18jährigen Studenten der Medicin, Paul Clairmont, nach Oeblarn. Sonntag den 6. d. unternahm Frau Clairmont gegen Abend mit ihrem Neffen einen Ausflug auf den Sonnberg. Nach Mittheilungen, welche der junge Mann hieher gelangen ließ, glitt Frau Clairmont auf einem Felsrücken aus und stürzte in die Tiefe. Erschreckt rief Paul Clairmont seine Tante, erhielt aber keine Antwort. Nun beugte sich, wie Paul Clairmont weiter berichtet, dieser über den Abgrund, um die Tante erfassen zu können; er umklammerte hiebei ein Bäumchen, verlor jedoch das Gleichgewicht und stürzte mit dem Bäumchen, dessen schwache Wurzeln die Last nicht ertragen konnten, gleichfalls in die Tiefe, in den Walchernbach. Der junge Mann erlitt jedoch hiebei nebst zahlreichen Hautabschürfungen keinerlei Verletzungen. Er erhob sich und ging nun daran, seine Tante zu suchen. Seine Bemühungen waren jedoch vergebliche. Er eilte nun nach Oeblarn, um einen Arzt und Leute zu holen, welche ihm bei der Suche behilflich sein sollten. Seinem Vater sendete er folgendes lakonische Telegramm nach Wien: "Pauline abgestürzt und verunglückt." Es wurde nun die ganze Nacht hindurch gesucht, die Verunglückte konnte jedoch erst am folgenden Tage, Montag, aufgefunden werden. Man fand ihren Leichnam mit zerschmetterten Gliedern im Walchernbach. Nun telegraphirte Paul Clairmont seinem Vater: "Pauline todt." Am Mittwoch begab sich Herr Clairmont sen. nach Oeblarn, wo die Beerdigung der verunglückten Dame, welche von ihren Bekannten als hochgebildete Frau geschildert wird, am Donnerstag erfolgte. Herr Clairmont begab sich dann mit seinem Sohne nach Bad-Gastein. Nach dieser Darstellung des Vorfalles kann Paul Clairmont in der That von Glück reden, daß er nicht gleichfalls von dem traurigen Schicksale ereilt worden, dem seine Tante zum Opfer gefallen ist; denn während für diese der Sturz in den Walchernbach mit dem Tode endigte, erlitt der junge Mann während des kühnen Rettungswerkes bei demselben Sturze in die Tiefe blos unwesentliche Hautabschürfungen."

NFP Nr. 9656 vom 15. Juli 1891 Morgenblatt:

[Absturz einer Touristin] Über die Verunglückung der Frau Pauline Clairmont, welche am 6. d. nächst Oeblarn in Steiermark von einem Felsen strürzte und todt blieb, hat der Neffe der Dame, der Studirende Herr Paul Clairmont, an seine Verwandten nach Wien einen Brief gerichtet, welchem wir Folgendes entnehmen: Das Unglück ereignete sich im Walchenthale. Frau Pauline Clairmont brach mit ihrem Neffen gegen 5 Uhr Nachmittags von dem Gasthause auf, um möglichst weit in das Walchenthal zu gehen. Sie wurden nach einem Marsche von ¾ Stunden von einem Regen überrascht; nachdem der Regen aufgehört hatte, wurde der Rückweg nach Oeblarn angetreten, und zwar sollte nach dem Wunsche der Frau Clairmont an dem Ufer der Walchen bis zu einer Brücke gegangen werden. Es heißt nun in dem Briefe: "Wir gingen längs des Ufers des Waldbaches Walchen, der sehr angeschwollen war. An Stellen, wo längs des Ufers kein Weg war, suchten wir höhere Stellen, die zwar nicht gefährlich schienen, wo aber der Weg beschwerlich war. Endlich kamen wir so weit, daß wir die Brücke vor uns sahen. Gerade vor der Brücke aber springen Felsen vor, die wir nicht passiren konnten. Wir wollten daher höher steigen, um die Felsen zu umgehen. Wir kletterten aufwärts, ich voraus, meine Tante hinter mir. Wir waren beinahe oben, ich war 80 Meter, meine Tante 50 Meter hoch geklettert, als ich plötzlich ein Rutschen hinter mir hörte. Ich drehe mich um und sehe einen schwarzen Körper in die Tiefe gleiten. Ich rufe, bekomme keine Antwort, nur den brausenden Wildbach höre ich. Ich entschloß mich, weiter hinauf zu klettern. Nach einstündigem, gefährlichem Klettern kam ich zu einer ungefähr zwei Meter hohen Felswand, die mich noch von dem Kamme trennte. Oben angelangt, wollte ich mich an eine Fichte klammern, die Zweige rissen, ich glitt aus, rutschte in die Tiefe und kam selbst ins Wasser. Ich konnte mich aber erheben und nach Oeblarn eilen, um Hilfe herbeizubringen. Zweimal waren die Nachforschungen nach Frau Pauline Clairmont vergeblich, erst am nächsten Morgen konnte die Leiche im Wasser gefunden werden." Ein Tourist schreibt uns: "Das traurige Schicksal der Frau Pauline Clairmont, welche von schroffer Felshöhe bei einem Spaziergange abstürzte und tot liegenblieb, bringt den Unglücksfall des Fräuleins Sonklar in Erinnerung, welches in ähnlicher Weise durch unberechenbare, fatale Umstände ihren Tod fand. In diesen Fällen waren es hochgebildete Personen, die zuversichtlich Berge bestiegen, und während sie im Naturgenusse schwelgten, in Folge eines unseligen Fehltrittes vom Verhängnisse ereilt werden; auch Frau Clairmont war weit entfernt, eine bravouröse Kletterei zu unternehmen; sie ist lediglich das Opfer eines unglücklichen Schrittes. Aus diesem Unglücksfalle mögen Touristen, die zum erstenmale in eine Gegend kommen, wo Felswände, Steinbrüche etc. mannigfache Gefahren bieten, Vorsicht lernen und ersehen, wie sehr es sich empfiehlt, gleich am Beginne des Aufenthaltes in einer fremden Gegend Recognoscirungen vorzunehmen, sich mit den Eigenheiten des Ortes und seiner Umgebung vertraut zu machen und das Betreten gefährlicher Stellen zu vermeiden. Seitens mancher Gemeindevorstehungen in den Alpen herrscht im Allgemeinen leider große Sorglosigkeit vor; in vielen Fällen fehlt es an kritischen Stellen, so bei gefährlichen Steinbrüchen, an Geländern, Warnungstafeln u.s.w., und manches Unglück wäre zu vermeiden, wenn die Behörden der Örtlichkeit die durch den riesig gesteigerten Verkehr in erhöhtem Maße gebotene Aufmerksamkeit zuwenden würden."

 


1 Wilhelm Charles Gaulis Clairmont (1831-1895), Pauls Vater zurueck

2 Pauline Clairmont (1825-1891) zurueck

3 Charles Gaulis Clairmont (1795-1850) zurueck

4 Antonia Ghilain d’Hembyze (1800-1868) zurueck

5 Vgl. unten den Brief an Hellmer zurueck

6 Hotel an der Stadtbrücke zurueck

7 Dieser Eindruck, Anspielung auf Barrès: Le jardin de Bérénice, ging sofort ein in die Notizen zu Gestern: Die Tour Constance Stimmung kannst du auch mit dem Salzburger panorama ausdrücken (SW III 301,15f. und 328,39-329,29)zurueck

8 S. dazu ‚The Clairmont Correspondence. Letters of Claire Clairmont, Charles Clairmont and Fanny Imalay Godwin’, hrsg. von Marion Kingston Stocking, 2 Bde. Baltimore, London 1995. In den Jahren 1889/90 hatte Hofmannsthal systematisch Byrons Verserzählungen gelesen. In seiner Bibliothek befinden sich noch die Ausgaben: The Works of Lord George Gordon Noel Byron. Vol. 1-3, London: Murray 1819 und The complete works of Lord George Gordon Byron. Repr. from the last London ed. containing besides the notes and illustr. by Moore.u.a. considerable add. and original notes to which is prefixed A Life by Thomas Moore. 2. ed. In vol. 1 with a portr., Frankfort o.M.: Baer 1852. Ebenfalls 1889 las er Shelleys Gedichte und im März 1890 das Trauerspiel ‚The Cenci’, das 1892 eine wichtige Rolle für seinen Dramenentwurf Ascanio und Gioconda spielen sollte und von dem er noch viel später sagte, es sei ein Werk, das mich immer beschäftigt hatte (an Pannwitz, 29.7.1917). Auch für Shelleys Biographie zeigte er Interesse. Ein Essay von Karl Federn über Shelleys letzte Jahre beeindruckte ihn 1904 und er erinnerte sich 20 Jahre später bei der Lektüre von André Maurois’ ‚Vie de Shelley’ daran. In seiner Bibliothek hat sich erhalten: Percy Bysshe Shelley: The poetical works <Werke> Reprinted from the early ed., with memoir, eplanatory notes, London: Warne, o.J. zurueck

9 Großbuchstaben: Stenographie. Die stenographischen Passagen übertrug Herr Hans Gebhardt, Eckersdorf. zurueck