"Ich habe den Goethe nämlich wirklich sehr gern".

Hugo von Hofmannsthal und die
Gedächtnisfeier für Goethe am Wiener Burgtheater
im Jahr 1899

Vorgetragen im Frankfurter Goethe-Museum zur Feier des 250. Geburtstages
von Johann Wolfgang von Goethe am 28. August 1999

Joachim Seng, Frankfurt am Main

©Navigare.de 10.1999

Ein Großteil des handschriftlichen Nachlasses Hugo von Hofmannsthals (1874-1929) sowie die Bibliothek des Dichters befinden sich nicht in Wien, wie man erwarten müßte, sondern in Frankfurt am Main im Freien Deutschen Hochstift, das auch die Kritische Ausgabe der Werke Hofmannsthals veranstaltet. Es mögen auch glückliche Umstände gewesen sein, die den 1938 von der Familie des Dichters ins Exil geretteten Nachlaß Ende der sechziger Jahre nach Frankfurt gelangen ließen, doch es war zugleich eine schicksalhafte Fügung. Denn im Freien Deutschen Hochstift - Frankfurter Goethe-Museum, das, 1859 gegründet, bereits 1863 Goethes Frankfurter Elternhaus erwarb und der Öffentlichkeit als Memorialstätte zugänglich machte, liegen Hofmannsthals Handschriften nun in unmittelbarer Nachbarschaft der Autographen jenes Dichters, den Hofmannsthal zeitlebens verehrte und in dessen Nachfolge ihn viele Zeitgenossen sahen. Die Rede ist von Johann Wolfgang Goethe. Wie ein roter Faden zieht sich die Beschäftigung mit Goethe durch das Leben und Werk Hofmannsthals, der, wie nur wenige Dichter seiner Zeit, in einem produktiven, aber durchaus kritischen Dialog mit Goethe stand. Es war kein Zufall, daß die Zeitungen, als Hofmannsthal 1929 unerwartet starb, von einem "Statthalter Goethes" sprachen. In seinem Buch der Freunde (bereits im Titel verweist der Dichter auf Goethes "West-östlichen Divan") finden sich viele Aphorismen, in denen von Goethe die Rede ist. Zwei besonders eindrucksvolle davon lauten:

Goethe kann als Grundlage der Bildung eine ganze Kultur ersetzen.

und

Goethe ist nicht der Quell von diesem und jenem in unserer neueren Literatur, sondern er ist ein Bergmassiv, und das Quellgebiet von all und jedem in ihr.

Es scheint deshalb angemessen gerade in diesem Jahr, in dem Goethes 250. Geburtstag allerorten gefeiert wird, auch daran zu erinnern, daß sich 1999 auch Hofmannsthals Todestag zum 70. Mal und sein Geburtstag zum 125. Mal jährten. Es lohnt sich aber auch aus einem anderen Grund, auf Hofmannsthal zu schauen. Vor nunmehr 100 Jahren verfaßte der Dichter den Prolog zu einer nachträglichen Gedächtnisfeier für Goethe am Burgtheater zu Wien, von dem im folgenden die Rede sein soll.

Am 8. Oktober 1899 lud das Wiener Burgtheater - von den Wienern respektvoll "Die Burg" genannt - zu einer nachträglichen Gedächtnisfeier anläßlich Goethes 150. Geburtstag. Daß die Wiener erst nachträglich, gut einen Monat zu spät, den großen Geburtstag des Dichters begingen, hatte einen einfachen Grund: Die Theaterferien ließen eine Feier am 28. August nicht zu. Paul Schlenther (1854 - 1916), erst seit Februar 1898 Direktor des traditionsreichen Theaters, hatte den damals 25-jährigen Dichter Hugo von Hofmannsthal offenbar erst spät um einen Prolog zu dieser Feier gebeten. Am 19. September 1899 wird der Goethe-Prolog jedenfalls erstmals im Briefwechsel mit den Eltern erwähnt, und am gleichen Tag schreibt der Dichter die Verse in Vahrn/Tirol nieder, wo er auf seiner Reise nach Venedig den Dichter Richard Beer-Hofmann (1866-1945) und dessen Frau Paula (1879-1939) besuchte. Die Situation, in der der "Prolog" entstand, schien nicht gerade dazu angetan, ein Gedicht zu Ehren Goethes, des von ihm bewunderten Dichters, hervorzubringen. Denn Hofmannsthal verfaßte die Verse nachdem er aus Aussee kommend, nach einer anstrengenden 28stündigen Fahrt mit fünfmaligem Umsteigen und stundenlangen Aufenthalten, das "kleine Nest an der Berglehne mit schon etwas südlichem Charakter" ziemlich erschöpft erreicht hatte. Immerhin hatte er in einer kleinen Pension in Vahrn, ein hübsches Balkonzimmer beziehen können, in dem ihm die Arbeit an dem Goethe-Prolog offenbar keine Schwierigkeiten bereitete. Er entstand jedenfalls innerhalb eines Tages: Und zwar sowohl der erste Entwurf als auch eine erste Reinschrift, die er bereits am nächsten Tag an Schlenther nach Wien schickte.

Warum aber war die Wahl Schlenthers, der bereits damals am Burgtheater sehr umstritten war, ausgerechnet auf Hofmannsthal als Prolog-Dichter zu einer Goethe-Feier gefallen? Auch andere Wiener Dichter wie Arthur Schnitzler (1862-1931) oder Richard Beer-Hofmann wären sicherlich dafür in Frage gekommen. Doch kaum ein anderer Dichter seiner Generation wurde so häufig in der Öffentlichkeit mit Goethe, vor allem dem jungen Goethe, in Verbindung gebracht, wie Hofmannsthal.

Seit 1890, Hofmannsthal - 16 Jahre jung - war damals noch Gymnasiast und publizierte unter dem Pseudonym "Loris", erschienen von ihm Gedichte. Weltgeheimnis, Ein Traum von grosser Magie, Lebenslied, Manche freilich: Diese Verse begründeten seinen frühen Ruhm ebenso, wie die ersten Versdramen Gestern, Der Tor und der Tod und das Bruchstück Der Tod des Tizian. Zudem hatten erst am 18. März 1899 die beiden Hofmannsthal-Stücke Die Hochzeit der Sobeide und Der Abenteurer und die Sängerin am Burgtheater Premiere gehabt. Hermann Bahr (1863-1934), einflußreicher Literat des Jung-Wien, hatte im Zusammenhang mit Hofmannsthal sogar von einem "Goethe auf der Schulbank" gesprochen. Es ist nicht verwunderlich, daß Karl Kraus (1874-1936), ein erbitterter Gegner Bahrs, diese Formulierung gerne aufgriff, als er bereits 1897 in seinem Aufsatz "Die demolirte Literatur" mit den Kaffeehaus-Literaten des Café Griensteidl abrechnete. Zu Hofmannsthal hieß es da:

Die Thatsache, dass Einer noch ins Gymnasium ging, begeisterte den Entdecker zu dem Ausrufe: "Goethe auf der Schulbank!" Man beeilte sich, den Jüngling für das Kaffeehaus zu gewinnen, und seine Eltern selbst führten ihn ein: sollte doch gezeigt werden, dass er vom Vater die Statur, des Lebens ernstes Führen, vom Mütterchen die Frohnatur, die Lust zum Fabuliren habe.

Es sei hier nur am Rande erwähnt, daß Hofmannsthal als er am 8. Dezember 1904 das Frankfurter Goethe-Haus besuchte, an seine Schwiegermutter Franziska Schlesinger eine Postkarte schickte, die neben einem "Gruss aus dem Goethehaus" auch die Goetheschen Verse über die Eltern enthielt, die Kraus anspielungsreich zitiert hatte. Der ironische Vergleich Hofmannsthals mit Goethe gefiel Kraus so gut, daß er häufig darauf zurückkam, wenn bei ihm in seiner Zeitschrift "Die Fackel" von Hofmannsthal die Rede war. Auch 1899 im August-Heft der "Fackel" - also kurz bevor der Goethe-Prolog im Burgtheater vorgetragen wurde (wovon Kraus offenbar noch nichts wußte) - liest man wieder:

Mancher freilich, der diesmal schwieg, konnte sein bisheriges Leben für sich sprechen lassen. Brauchen wir noch zu fragen, wie Hugo v. Hoffmannsthal über Goethe denkt? Wer weiß nicht, dass Goethe der Hoffmannsthal des 18. Jahrhunderts gewesen ist?

Von Hofmannsthal ist keine Stellungnahme zu Kraus’ Polemik überliefert. Besonders verärgert hat sie ihn aber offenbar nicht: Der junge Dichter hatte bereits gelernt, mit Goethe-Vergleichen sehr selbstbewußt umzugehen. Als ihn der damals angesehene Dichter Richard Dehmel (1863-1920) in einem Brief als "Erbvollstrecker ,Tasso’-Goethe’s" bezeichnet und ihn davor warnt, im dichterischen Schaffen zu stark unter Goetheschen Einfluß zu geraten, antwortet ihm der 19-jährige Hofmannsthal:

Was den Herrn Geheimrath [Goethe] betrifft: das ist ein erlauchtes und wundervolles Gespenst und wenn das einmal zu einem kommt und mit einem durch die Nacht fliegen will, so soll man sich nicht wehren und sperren, sonst versäumt man viel: es fliegt mit einem durchs Fenster, da schwebt man mit nackten Füßen und streift über die Wipfel der schwarzen rauschenden Bäume hin und spürt viel vom Saft und Sinn der Dinge, und ist ein großer seltener Rausch. Seinem goldenen Wagen aber nachzulaufen, fällt mir für gewöhnlich nicht ein: sehen Sie dieses "Gestern" an; das hat in seinem dürren nervösen Ton gar nichts von Epigonenrhythmus.

Der Burgtheaterdirektor Paul Schlenther hatte also - wie diese wenigen Beispiele zeigen - gute Gründe, sich mit seiner Bitte um einen Prolog für die Goethefeier, an Hofmannsthal zu wenden. Und er wurde nicht enttäuscht. Einen Tag brauchte der junge Wiener Dichter, der gerade - ganz goethisch - auf einer Reise nach Italien, in die Lagunenstadt Venedig war. Schlenther erhielt den Prolog am 21. September und antwortete umgehend:

Ich danke Ihnen herzlichst für den Prolog, der mir persönlich sehr gefällt. Hoffentlich entspricht in diesem Falle mein Geschmack dem Geschmack der Anderen. Der Prolog geht allerdings von einer Voraussetzung aus, die jetzt nicht mehr zutrifft, da das Programm geändert ist. Wir geben statt "Götz" "Die Laune des Verliebten", "Die Geschwister" und eine Vorlesung Goethescher Balladen durch Kainz. Schon aus diesem letzteren Grunde möchte ich Kainz nicht Ihren Prolog sprechen lassen. In Frage kämen Sonnenthal und Frau Hohenfels. Für jenen spricht sein warmer, tiefer Herzenston, für diese das Jugendlich-Jubelnde Ihrer Stimme. Wir können über diese Wahl ja noch schlüssig werden. (...) Ich bitte Sie dringend, den Prolog niemandem zu zeigen und vorläufig auch nicht von der Sache zu sprechen.

Die Programmänderung machte auch eine Änderung im Prolog notwendig. In seiner ersten Fassung hatte Hofmannsthal geschrieben: "Wie er den Götz schuf und den Weislingen/und jenen Knaben und die schöne Frau". Nun veränderte er diese Verse in der Reinschrift zu: "Wie er den Faust schuf und den wackern Götz/Und jenes Bürgerkind im engen Haus". Der Sprung vom Wiener Burgtheater zum Frankfurter Goethe-Haus, in dem sich heute ein Großteil seines handschriftlichen Nachlasses befindet, wäre damit vollbracht, und es ist kein Zufall, daß das "Bürgerkind" aus dem Haus in der Wiener Salesianergasse, hier die bürgerliche Herkunft Goethes und die Enge des Elternhauses hervorhebt. Schlenther jedenfalls war mit der Änderung Hofmannsthals weitgehend zufrieden. Am 26. September ließ er ihn wissen:

Ich acceptiere Ihre Stufenleiter der Prologsprecher und werde Ihren Wunsch, die Dame zu vermeiden, soviel wie irgend möglich berücksichtigen. Ihre Änderung der Götzstelle ist sehr glücklich. Auch ich bin für die feinere Fassung "jenes Bürgerkind im engen Haus". (...) Ebenso möchte ich im Vers vorher ändern: "Und festlich sei hier jedes Tages Werk!" Der Indicativ "ist" erscheint mir als zu selbstüberheblich für das Burgtheater. - Sodann aber die Hauptsache: Jeder, der den Prolog bisher gelesen hat, ist entzückt, hält aber den Schluss für zu unwirksam zum Sprechen. Vielleicht könnten Sie da noch ein starkes Licht aufsetzen. Dafür wäre ich Ihnen sehr dankbar und der Eindruck würde gewinnen.

Was die Frage des Prologsprechers betraf, so schien es Hofmannsthal 1899 unmöglich, daß eine Frau ihn sprechen sollte, obwohl selbst seine Eltern die Schauspielerin Stella Hohenfels (1858-1920) favorisierten. "Es hat auch nicht viel Sinn, dass ein Frauenzimmer so als Specherin der ganzen Generation auftritt", schrieb er dazu an seinen Vater, Hugo von Hofmannsthal sen. (1841-1915).

Den Schluß des Prologs änderte Hofmannsthal aber nicht mehr. Ihm schien das Licht stark genug, das von ihm ausging - zumal er dort - was Schlenther wohl nicht bemerkte - auf seine eigene Dichtung verwiesen hatte. Die Schlußverse lauten in der endgültigen Fassung:

Und weiden uns am Leben der Gestalten,
Draus sich ein ungeschwächter Hauch erneut,
Und fühlen, wie sie ganz die Kraft enthalten,
Davon er etwas auch in uns gestreut:
Und dieses regt sich uns im tiefsten Kerne,
Wir glühen, tausendäugig, tausendhändig,
Und die Geschöpfe von dem schönsten Sterne,
Sie werden uns, an ihnen wir lebendig!

Deutlich erinnert Hofmannsthal hier an sein berühmtes Gedicht Ein Traum von großer Magie, das 1895 entstand und erstmals im Januar 1896 in Stefan Georges (1868-1933) "Blättern für die Kunst" erschien. Es endet mit den Versen:

Doch Er ist Feuer uns im tiefsten Kerne
- So ahnte mir, da ich den Traum da fand -
Und redet mit den Feuern jener Ferne
Und lebt in mir, wie ich in meiner Hand.

Hofmannsthals Goethe-Prolog wurde schließlich am Sonntag, den 8. Oktober 1899, von Adolf von Sonnenthal (1834-1909) gesprochen, dem beliebten Burgtheater-Schauspieler, der zu seinem 25jährigen Bühnenjubiläum an der Burg den Orden der Eisernen Krone erhielt und damit geadelt wurde. Sonnenthals Kunst ruhe auf "dem festen Grunde edler Menschlichkeit" und er habe sich im gefährlichen Spiel der schauspielerischen Selbstentäußerung "einen einfachen Sinn und ein warmes Herz zu wahren gewußt", wie es ein Bewunderer festhielt. Am Burgtheater feierte er in den Rollen des Wallenstein, des Nathan, des Clavigo und des König Lear große Triumphe. Dieser Sonnenthal trug Hofmannsthals Verse in dem für seine Stimme charakteristischen warmen, weichen Ton vor, den man sich nun beim Lesen des Prologs hinzudenken muß:

Goethe's gedenken! Wie, bedarf's dazu
Besondern Tages? Braucht es da ein Fest?
Sein zu gedenken, der aus seinem Bann
Nie unsern Geist, nie unsre Brust entläßt!
Wem müßte erst ein aufgeschmückter Tag
Den Namen in die dumpfen Sinne rufen!
Auch ist der Rede hier kein Raum gewährt:
Denn dies sind eines hohen Tempels Stufen,
Und festlich sei hier jedes Tages Werk.

So fliege denn der Vorhang auf und gebe
Euch seine eigne bunte Welt zur Lust
Und lasse wirken, was gebildet ward,
Auf Euch, die Ihr nicht minder seid Gebilde!
Denn wer sitzt hier im athemlosen Saal,
Der abzuthun vermag von seiner Seele
Des Geistes heimlich bildende Gewalt?

Wie er den Faust schuf und den wackern Götz
Und jenes Bürgerkind im engen Haus
Und rings um sie das frische deutsche Land:
So schuf er mit nicht schwäch'rer Zauberhand
An Eures Herzens Herz in tausend Nächten,
Schuf an den Schauern Eurer Einsamkeit,
An allen Abgründen, an allen Prächten,
An allen Wünschen, die durch Eure Glieder,
Von Phantasie genährt, sich glühend wühlen,
An aller Sternenruh' und Wolkenhöh',
Die geisterreich das glüh'nde Aug' Euch kühlen:
War't Ihr allein, so war doch Er bei Euch,
Er war die Luft, die Euch zu athmen gönnet,
Daß Ihr mit Macht, mit Kühnheit, mit Genuß
Hinwandeln an des Daseins Klüften könnet,
Und tratet Ihr zu Menschen wieder ein -
Empfandet Ihr im menschlichen Gewühl,
In jedem würdig fruchtbaren Verein,
Nicht seines Daseins schwebend Nachtgefühl?
Die Männer und die Frauen unsrer Zeit,
Wir haben sie von Ihm gelernt zu lieben:
Wie dürftig wäre diese Welt geblieben,
Hätt' Er sie nicht im voraus uns geweiht!

Nun halten wir, ein neu-heraufgekommen
Lebendiges Geschlecht, die weite Erde:
Und da wir athmen, heißt's uns Gegenwart.
Ein jeder unsrer Schritte ist ein tief'rer.
Aus Busch und Höhle tönen unerhörte
Geheimnißvolle Fragen uns ans Ohr.
Wir sind der Schlacht nicht sicher, die wir schlagen,
Und zweifelhaft blinkt uns der Krone Gold,
Die wir erwerben sollen, wenn wir siegen.
Wir lassen manchmal alle Hände aus
Und lösen unsern Blick aus der Verschlingung
Der Menschenblicke, und wir lassen ihn
Am harten nächtlichen Gewölb' des Himmels
Hingleiten, wie ein Irrgewordner thut.
Dann redet Er zu uns, aus seinen Büchern,
Oder aus unserm eignen Innern, oder
Aus einem Bach, der murmelt, oder hier!
Gewaltig ist die Hand der Gegenwart -
Doch Gegenwart auch Er! in unsern Wipfeln
Das Rauschen Seines Geistes, in unsern Träumen
Der Spiegel! Seines Auges! Goethe! Goethe!

Welch Zauberwort, von dem ein starker Schein
In dieses Daseins großes Dunkel fällt:
Er trat einmal in diese Welt herein,
Nun treten wir vielmehr in Seine Welt
Und weiden uns am Leben der Gestalten,
Draus sich ein ungeschwächter Hauch erneut,
Und fühlen, wie sie ganz die Kraft enthalten,
Davon er etwas auch in uns gestreut:
Und dieses regt sich uns im tiefsten Kerne,
Wir glühen, tausendäugig, tausendhändig,
Und die Geschöpfe von dem schönsten Sterne,
Sie werden uns, an ihnen wir lebendig!

Hofmannsthals Eltern, die ihren in Venedig weilenden Sohn bei dieser Veranstaltung im Burgtheater vertraten, verfolgten die Goethefeier aus einer Loge im 2. Stock. Auch Bahr und Salten, Freunde des Dichters, wohnten der Veranstaltung bei. In ihren Briefen informierten die Eltern ihren Sohn sehr anschaulich über den Verlauf der Feier. So schrieb Hofmannsthals Vater:

Wie ich Dir gestern depeschierte hat der Prolog sehr gut gefallen und wurde von Sonnenthal sehr warm & deutlich gesprochen, obwohl er so aufgeregt war daß das Papier in seiner Hand unaufhörlich zitterte. Die Festvorstellung selbst war r e c h t gut. Besonders die Medelski in Geschwister & die Witt in der Laune des V.[erliebten] Kainz hatte natürlich den lebhaftesten Beifall. Das Haus war bis auf einige Parkettsitze u eine Anzahl Logen gut besucht, besonders die Galerien gesteckt voll u sehr beifallslustig. Nach dem Prolog wurde applaudiert fast bis zum Wiederaufgehen des Vorhanges.
Auf der Bühne war eine Büste von Göthe in einem Blumenhain u auf den Stufen des Sockels ein Lorbeerkranz. Bei den Worten Goethe! Goethe! drehte sich Sonnenthal um und wies auf sein Bild. Von Bekannten waren Benedicts, Speyers, und alle mit dem Theater in Contact stehenden offiziellen Persönlichkeiten anwesend.

Die Mutter des Dichters, Anna von Hofmannsthal (1849-1904), berichtete ihrem Sohn voll Freude und Rührung, daß es ein Vergnügen gewesen sei, "die vielen leicht gantirten Hände" der Freunde und Freundinnen klatschen zu hören.

Auch die Presse berichtet sehr positiv über die Veranstaltung. Hofmannsthal hatte sich aber auch um eine günstige Aufnahme der Verse bemüht. Aus der Ferne hatte er seinen Vater schon frühzeitig damit beauftragt, das Manuskript des Textes vorab an für ihn wichtige Redakteure zu senden. In der "Neuen Freien Presse", deren Feuilletonredakteur Theodor Herzl (1860-1904) Hofmannsthals Prolog bereits am Montag abdrucken ließ, hieß es anerkennend: "Das Burgtheater hat gestern eine Goethe-Feier veranstaltet, die mit einem sinnreichen, von Herrn Sonnenthal wirkungsvoll gesprochenen Prolog von Hugo v. Hofmannsthal eröffnet wurde". Und weiter konnte man lesen: "Herr Kainz sprach zum Schlusse eine Reihe Goethescher Gedichte. Man kann wol fragen, ob es angezeigt sei, in der Recitation so weit ins Dramatische hineinzugehen, wie es Kainz thut, allein den Erfolg hatte der Recitator für sich. Selten sind größere Beifallsstürme niedergegangen."

 

Goethefeier Programm

 

Mit Josef Kainz (1858 - 1910), der gerade erst sein Engagement am Burgtheater begonnen hatte, betrat ein neuer "Star" die Bühne des Burgtheaters, der mit seiner Schauspielkunst auch auf Hofmannsthal eine unwiderstehliche Faszination ausübte. Als Hofmannsthal ihn 1906 in der Rolle von Goethes "Tasso" sah, beeindruckte ihn das so sehr, daß er daraufhin sein fiktives Gespräch, die Unterhaltung über den "Tasso" von Goethe, zu Papier brachte. Als Kainz 1910 frühzeitig an einem Krebsleiden starb, schrieb Hofmannsthal seine Verse zum Gedächtnis des Schauspielers Josef Kainz.

Bereits 1899 dachte Hofmannsthal an eine Zusammenarbeit mit Kainz. Interessant sind in diesem Zusammenhang einige Zeilen, die er kurz vor der nachträglichen Goethe-Feier im Burgtheater an seine Schwiegermutter Franziska Schlesinger (1851-1932) aus Venedig schrieb:

Ich hab in Vahrn für eine nachträgliche Goethe-Feier des Burgtheaters einen Prolog gemacht (...). Ich bin doch auch noch jung und hab so oft ein furchtbares Gefühl der Einsamkeit, ich glaube das muß die ganze Generation manchmal spüren und in den Augenblicken ist einem ein Buch von Goethe ein ganz unerschöpfliches Glück, etwas unaussprechlich tröstendes. Wenn man so etwas auszudrücken versucht, möchte man so gern, daß es jemand unter den vielen so verstünde, wie man sich unter vier Augen manchmal versteht. Aber meistens bleibt es bei Declamation, Theaterstimmung, Unsinn.

Bei Kainz vermutete der Dichter offenbar eine ähnliche Stimmung. Kein Deklamieren, sondern lebendiges Fühlen dessen, was Goethes Gedichte zu geben vermögen. Denn einen Tag bevor der Prolog im Burgtheater gesprochen werden sollte und Kainz die Goeteschen Balladen so umjubelt vortrug, versuchte Hofmannsthal den gefeierten Schauspieler für einen gemeinsamen Goethe-Abend zu gewinnen. Über diesen, für Hofmannsthal ungewöhnlichen Vorschlag, spricht er in einem Brief, der von der Wertschätzung für den Schauspieler, aber auch und vor allem von seiner Bewunderung und Zuneigung für Goethe zeugt. Darin heißt es:

Während ich hier schreibe, spielen Sie glaub ich, in Wien, den "Abenteurer". Wie oft und lebhaft denke ich an Sie, wie oft höre ich beim Schreiben den entstehenden Vers von Ihrer Stimme gesprochen. Ich freue mich so sehr darauf, Ihnen das neue Stück zu bringen [Das Bergwerk zu Falun] Und dahinter dämmert schon wieder ein Anderes, in dem will ich Ihnen wieder so eine schöne Rolle schreiben: einen sehr schlechten bösen Menschen, von einem unheimlich bunten Schicksal umhergetrieben, in Wien, in den Zwanzigerjahren. Und noch etwas geht mir oft durch den Kopf, etwas so hübsches Lustiges, zu dem Sie mir nicht nein sagen dürfen. Wir müssen zusammen eine Vorlesung geben, wir beide ganz allein (d.h. vor den Leuten, aber nur wir beide) und zwar einen Goethe-abend. Ich habe nämlich eine Menge über die Goethe-schen Gedichte zu sagen, eine Menge solches Einfaches, wie die Litteraten immer zu sagen vergessen, und das möchte ich viel lieber sprechen als schreiben. Und nachher thuen Sie den Leuten vorlesen, nicht nur ein paar von den prachtvollen Sachen, die Sie ohnehin gern lesen, sondern noch andere kleinere, die viel unbekannter sind. Es könnte so etwas schönes einheitliches werden. Also ja! Ich habe den Goethe nämlich wirklich sehr gern.

Sogar den Ort und den Tag, an dem der Goethe-Abend stattfinden sollte, hatte der Dichter bereits festgelegt: Am 5. November 1899 im Bösendorfer Saal. Offenbar ging Hofmannsthals Wunsch jedoch nicht in Erfüllung. Es gibt zumindest kein Zeugnis für einen gemeinsamen Goethe-Abend mit Kainz.

Hofmannsthal nutzte aber noch manche Gelegenheit, über Goethe zu schreiben und zu sprechen. Bereits im Jahr 1900 veröffentlichte er die Erzählung Erlebnis des Marschalls von Bassompierre und verwendete dabei Goethes Novelle aus den "Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten" als Vorlage, die er aber zu einem eigenständigen Stück Prosa ausbaute. Dennoch brachte ihm das den Vorwurf ein, Goethe plagiiert zu haben. Als im Jahr 1902 seine Tochter geboren wurde, gab er ihr den Namen Christiane nach Christiane von Goethe, wie die Familienüberlieferung berichtet, und ließ sie am 28. August, an Goethes Geburtstag, taufen. Auch dies zeugt von Hofmannsthals tiefer Goethe-Verehrung, ebenso wie die vielen Aufzeichnungen zu dem verehrten Dichter, die sich in seinem Nachlaß fanden und die darüber Auskunft geben, was ihn an Goethe faszinierte. Besonders aufschlußreich ist ein Gedanke, den sich Hofmannsthal bereits 1896 notierte. Dort bezeichnet er seine "geliebten 40 Bände" der Goetheschen Werkausgabe letzter Hand als "kleine Hausgötter" und schreibt dazu:

Ausgabe von Goethes Werken letzter Hand. Ein Kunstwerk! Wie sein Leben ein bewußt komponiertes Kunstwerk ist. (...) Über Goethe als Ganzes denkt niemand nach, weil jeder eine Biographie gelesen hat. Auch das schlechte Zerreißen in Stücke: der Jüngling, der in Italien, der Greis. Gerade, daß er alles durcheinander war, ist wertvoll (...) Der philologische Kram legt sich zwischen die Menschen und den Dichter. Es ist niemand berufen, über Goethe zu reden.

Der Tatsache, daß sich Hofmannsthal drei Jahre später anders besann, verdanken wir den Prolog zu einer nachträglichen Gedächtnisfeier für Goethe am Burgtheater.

 

 Hofmannsthals Prolog zu einer nachträglichen Gedächtnisfeier für Goethe am Burgtheater zu Wien ist, mit einer Vielzahl von Zeugnissen und Varianten, abgedruckt in: SW I (1984), S.97f. und 391-396. Nach dieser Ausgabe wurde auch weitgehend zitiert. Texte, die im Rahmen der SW-Ausgabe noch nicht publiziert sind, wurden zitiert nach der Ausgabe GW. Der Großteil der in diesem Beitrag zitierten Zeugnisse - vor allem der Briefwechsel Hofmannsthals mit seinen Eltern - befindet sich im Hofmannsthal-Archiv des Freien Deutschen Hochstifts - Frankfurter Goethe-Museums.