Gespräch in Hinterhör

Mitschnitt eines Gesprächs zwischen
Ottonie von Degenfeld und Oswalt von Nostitz
über Hugo von Hofmannsthal aus dem Jahr 1965

©Navigare.de 4.2000; 6.2005

 

Das folgende ist die Umschrift der Tonbandaufnahme eines Gespräches zwischen Ottonie Gräfin Degenfeld-Schonburg (1882-1970) und Oswalt von Nostitz (1908-1997), das am 30. August 1965 stattfand. Der Sohn des mit Hofmannsthal befreundeten Ehepaars Helene und Alfred von Nostitz war mit seiner Frau Maria Mercedes, geb.von dem Bottlenberg (1912-1998) und beider damals 16jährigen Tochter Renata Esperanza zu Besuch in Hinterhör. Er hatte das Manuskript des Briefwechsels seiner Mutter mit Hofmannsthal, das er im selben Jahr im S. Fischer-Verlag herausgab, mitgebracht, um mit der Gräfin Degenfeld über diese Briefe, den Dichter und einige ihrer Erlebnisse mit ihm zu plaudern. Vielleicht versprach er sich in dem einen oder anderen Fall auch Aufschluss über die Hintergründe von undeutlichen Briefstellen, um sie noch im Anmerkungsteil des Briefwechsels berücksichtigen zu können. Seine Tochter Renata Esperanza ließ heimlich ein Tonband mitlaufen und fotografierte während des Gesprächs ihre Eltern und Ottonie von Degenfeld. Diese zeigte sich von der späteren Offenbarung des Mitschnitts zunächst nicht erfreut. Doch sie bewahrte eine Kopie des Bandes, die Oswalt von Nostitz ihr zukommen ließ, auf, ebenso wie die Abschrift, die sie wohl selbst veranlaßt hatte. Ihre Tochter, Marie Therese Miller-Degenfeld (1908-2005) stellte uns 1999 freundlicherweise das Typoskript zur Verfügung. Frau Renata Esperanza von Trott zu Solz, die Urheberin der Aufnahmen, stellte uns die Fotografien, die während des Gesprächs entstanden, zur Verfügung, wofür wir Ihr herzlich danken.

Leider ist die Qualität der Tonbandaufnahme sehr schlecht, und viele Sätze sind unverständlich, vor allem, wenn alle durcheinanderreden. Trotzdem gibt das, was verständlich ist, neben den Informationen zu Hofmannsthal, Borchardt, R.A. Schröder u.a. einen authentischen Eindruck vor allem von der Lebhaftigkeit und der Persönlichkeit der damals 83jährigen Gräfin Degenfeld, die immer noch, wie in ihrer Jugend, Sweety genannt wurde und von der Hofmannsthal sagte, sie sei "ein Etwas von den Thüringischen Fräulein, aus denen die Ottilien gemacht sind aber auch die Minnas von Barnhelm". Bemerkenswert ist auch ihr Erinnerungsvermögen, denn alles war genau so, wie sie erzählt, sei es die Reise mit Hofmannsthal nach Italien, die Jedermann Premiere im Zirkus Schumann oder die Aufführung des Salzburger Großen Welttheaters, deren Erlös der Restaurierung der Kollegienkirche zugute kam.

 

 

Ottonie von Degenfeld

Ottonie von Degenfeld-Schonburg
1962, an ihrem 80. Geburtstag

 

 

Die Personen:
Sweety = Ottonie Gräfin Degenfeld-Schonburg
Nostitz = Oswalt von Nostitz
Frau von Nostitz = Maria Mercedes von Nostitz
Ponti = Mario von Spany, Gast in Hinterhör
Stilz = Nichte der Gräfin Degenfeld

 

Zeichenerklärung:
[...] Unverständliche Worte
<...> Auslassung der Herausgeber

 

 

 

Oswalt von Nostitz

Oswalt von Nostitz
Ende der achtziger Jahre

Sweety: So komisch, sie1 konnte nicht aussuchen, so Züge oder so etwas – und anderen glaubte sie nicht, im Hotel dem Portier, dann telegrafierte sie mir: "Sieh bitte im Hotel in St. Moritz nach, wie soll ich nach Mailand fahren" – oder irgend sowas.

Nostitz: Wie, das war Mädi Bodenhausen?2

Sweety: Nein, nein, July, July Wendelstadt, die sonst so tüchtig in allem war – aber sonst – und da glaubte sie nicht, sagte immer, "der Portier, der macht das gar nicht richtig, das muß die Ottonie machen". Ich sagte ihr immer, "Du kannst doch die Leute fragen, im Hotel" und deshalb kam ich [...]

Nostitz: Aber dieses hier3, das ist über die Reise, die Sie mit Hofmannsthal nach Lucca gemacht haben?4

Sweety: Ja, ist das hier drin?

Nostitz: Ja, das ist der Brief, aber er erwähnt sie nicht extra, aber ich habe in der Anmerkung gesagt, wie er mit Gerty zu dritt waren [...] Max Mell5 war auch dabei?

Sweety: Ja, der ist mit uns runtergefahren, plötzlich, wir waren in Florenz, und plötzlich sagte er: "Ich muß jetzt zurück, ich muß zurück!"

Nostitz: Nur weg

Sweety: "Aber warum?", sagte Hofmannsthal, "warum, Mell, warum wollen Sie zurück?" "Ich hab zuviel, ich hab zuviel gesehen." Ich fand es reizend.

Nostitz: Die Eindrücke waren zuviel

Sweety: "Die Eindrücke sind zu groß. Ich muß erst nach Hause und muß das meinen Eltern erzählen." Und dann schrieb er an seine Eltern eine Postkarte. Jeden Tag schrieb er an seine Eltern eine Postkarte, er hatte eine reizende Handschrift

Nostitz: Fabelhaft!

Sweety: Wunderbar!

Nostitz: Und er schreibt dann über diese Fahrt mit Ihnen?

Sweety: Aha

[Unterbrechung]

Sweety: Er hätte am liebsten das Auto bestellt, das mußte Eberhard Bodenhausen6 alles machen.

Nostitz: Ach, der mußte das machen?

Sweety: Ja, und Eberhard [...] die Reise nach Italien antreten wollen, [...] nicht später als 25., ach, und immer seine Daten, wissen Sie

Nostitz: Ja, ja, genau.

Sweety: Und wissen Sie, und dann litt er immer so drunter, wenn die anderen Leute sie nicht einhielten.

Nostitz: Ach so, ja, das war auch in anderen Briefen [...]

Sweety: Ich habe das alles eingehalten, ja, "die Kombination", wie er immer sagte, ja.

Nostitz: Ja.

Sweety: [...] Florenz, von Florenz nach Perugia, ach, es war so schön! Arezzo, alles, es war eine wunderbare Reise, und es war so reizend, muß ich Ihnen erzählen. Also er sagte – ich war überhaupt noch nie in Italien gewesen [...]

Ponti: Aber, Du warst noch nie in Italien gewesen?

Sweety: Nein, damals nicht, es war ja, wie ich ganz jung war. Und da sagte Hugo: "Ottonie – Sie waren noch nie in Italien? Dann müssen wir nach Italien reisen! Also muß ich gleich den Eberhard fragen, ob ich's mir leisten kann." Eberhard machte das Geld vom Hofmannsthal, weißt Du.

Nostitz: So, der verwaltete es –

Sweety: Und kümmerte sich drum, weil er das nicht so verstand. Und da sagte er Eberhard: "Bitte, sag mir, kann ich's mir leisten, mir ein Auto zu nehmen für vier Wochen – und würdest Du das dann machen – und ich möchte die Ottonie und den Max Mell einladen, und wir wollen zu viert eine Reise nach Italien machen für vier Wochen." Eberhard sagte oder schrieb ihm: "Ja, das kannst Du Dir gut leisten, ich habe Dir ein Auto7 genommen und den Chauffeur." Und wir trafen uns in München, im Hotel Marienbad, fuhren zusammen los. Und der Mell war so reizend naiv, der hatte auch das alles nicht gesehen, und war nun [...] ich war erstens mal so begeistert in Verona über die Krypta in einer Kirche, ja das war also nun ganz was Neues. "Ja," sagt Hugo, "dann müssen wir die Reise ganz anders machen, dann müssen wir ja nachher über Ravenna zurückfahren.

Nostitz: Ja, ja

 

Ottonie von Degenfeld, Oswalt u. Maria Mercedes von Nostiz während des Gesprächs

 

Sweety: Das haben wir dann auch getan. – Na, wir waren also in Florenz, und plötzlich sagte der Mell: "Jetzt muß ich nach Hause, ich kann nicht mehr dableiben, ich habe zuviel gesehen, das kann ich nicht!" Und wir konnten ihn nicht überreden, er blieb nicht, er fuhr nach Hause, weil er mußte seinen Eltern erzählen, was er alles gesehen hatte. Es war reizend!

Nostitz: Da mußten Sie allein weiter.

Sweety: Und da waren wir in Lucca

Nostitz: Ganz in der Nähe von Borchardts8

Sweety: Ja, und da war vorher also diese

Ponti: Hat das damals schon Borchardts gehört?

Nostitz: Ja, sie lebten zur Miete bei der Fürstin Altieri, das war die

Sweety: Ja, denen gehörte das Haus, war so'n Art Schloß und

Ponti: Ist das vom Napoleon seiner [...]

Sweety: Ja, und da ist noch genau das Zimmer drin gewesen von Napoleons Schwester.

Nostitz: Ja, ja

Sweety: Wir haben's gesehen [...]

Sweety: Und wie wir hinkamen, nach Lucca, – es war eine Spannung gewesen zwischen Borchardt und Hugo

Nostitz: Und sie sahen sich das erste Mal wieder

Sweety: Und das sollte nun also gutgemacht werden. Und daraufhin kommen wir hin in das Hotel – und Borchardt ist nicht da! Hugo – Mell war nicht mehr da – Hugo und Gerty und ich – Hugo wahnsinnig aufgeregt, sorgte sich sehr, "und er ist nicht da" –. Und auf einmal kommt der Borchardt an, der natürlich genauso aufgeregt war – noch viel aufgeregter – und so glücklich, daß er nun den Hofmannsthal wiedersehen sollte. – Ich kannte Borchardt noch gar nicht.9

Nostitz: Nein.

Sweety: Und ich konnte damals noch nicht, ich war ja sehr lange krank gewesen und gelähmt und konnte den Berg nicht rauf, und sie hatten für mich so'n Muli genommen.

Nostitz: So

Sweety: Und ich saß drauf, also auf dem Muli, und den Borchardt, der also so über – – – angespannt

Nostitz: Lebendig – angespannt – angesprochen?

Sweety: Daß er also, er ging, wissen Sie, wie so'n Hahn auf dem Mist und sprach also derartig – ich dacht', das kann ich nicht aushalten, um Gottes Willen, die gingen hinter mir her, nein, das kann ja gar niemand aushalten. Und wir sollten hoch rauf in's Gebirge, wo sie'n Haus gemietet hatten, die Borchardts.

Nostitz: Hm.

Sweety: Nach kurzer Zeit – das war phantastisch –, hatte Hugo es doch so fertiggebracht, daß der Andere sich lockerte, wissen Sie

Nostitz: Ja.

Sweety: Daß ein so unbeschreibliches Gespräch da hinter mir vor sich ging – über alles – daß ich mir nach einiger Zeit dachte, ja, ich hab gedacht, ich kann ihn gar nicht aushalten, was hab ich mir eigentlich eingebildet, ist ja phantastisch! Dann kamen wir oben rauf, ich weiß nicht mehr, wie das hieß, ganz hoch, ein Dorf, und da war so ein ganz altes Bauernhaus.

Nostitz: Mit einem kleine Sälchen – ein kleiner Saal.

Sweety: Wunderbar!

Nostitz: Ausgemalt.

Sweety: Und dieses Bauernhaus hatte Borchardt gemietet.

Nostitz: Ja, das ist es nämlich.

Sweety: Und wir kamen rein, und da war der Eßtisch gedeckt – man ging so in diesen kleinen – nun es war nicht so lang wie dies, aber breiter wie dies ein bißchen. In diesem Bauernhaus war's.

Nostitz: War geschmückt mit Enzian.

Sweety: Der ganze Tisch war mit Blumen – hab ich Ihnen das erzählt?

Nostitz: Nein, nein.

Sweety: Der ganze Tisch war mit Blumen dick gelegt, das hatte Borchardt – morgens um 3 Uhr war er in den Berg raufgegangen oder noch eher hatte alle Blumen geholt. Er war ja so'n Blumennarr, und den ganzen Tisch gedeckt und alle die Blumen dahingelegt, es war unbeschreiblich.

Nostitz: Aber nein.

Sweety: Es war unbeschreiblich. Man ging durch den Raum durch, und es stand nur der große Tisch da und die alten Stühle, und man ging auf die andere Seite, da waren ein paar Fenster, und man schaute klaftertief, also runter in den Apennin.

Nostitz: Täler.

Sweety: Und dann also sah man so'n Moment hatten wir das gehabt, und dann setzten wir uns zu Tisch – und herein kam ein Mädchen, das servierte, aber ich konnte gar nichts nehmen, weil sie so schön war, wie aus einem alten italienischen Bild, wie so eine italienische Bäuerin.

Nostitz: Ja.

Sweety: Also einfach bezaubernd. Die hielt einem was hin, ich hab sie immerzu angeschaut. Das Ganze war wie ein Märchen in diesem Haus.

Nostitz: Ja, ja.

Sweety: Und dann also aßen wir da, fabelhaft, und die Unterhaltung, die hatten zwei hin und wieder, wissen Sie. Und es war doch vorher eine große Spannung gewesen.

Nostitz: Ja, ich hatte das Gefühl.

Sweety: Und dann gingen wir nach Tisch, da hatten wir Schwarzen, irgendwo draußen da waren so Wiesen, Matten kann man sagen und da nahmen wir den Schwarzen mit irgendwie und tranken da draußen den Schwarzen, und saßen in diesen Blumen drin, es war unbeschreiblich – unbeschreiblich.

Nostitz: Ja.

Sweety: Oswalt, es ist doch nun mindestens 60 Jahre her, ich könnt's Ihnen malen, es war unbeschreiblich schön.

Nostitz: Ja, ich weiß davon, weil es nämlich einen Brief von Borchardt gibt, der darüber schreibt, den kennen Sie

Sweety: Den kenn' ich nicht

Nostitz: Den kennen Sie nicht?

Sweety: An wen?

Nostitz: An – kann sein, an Hofmiller10

Sweety: Ah, das kann sein.

Nostitz: An Hofmiller11, nicht, und der schreibt, "der Hofmannsthal ist mit seinen beiden Damen da heraufgeklettert, und wir gingen in ein Bauernhäuschen und aßen an der mit Enzian bedeckten Tafel wie die Könige, nicht?

Sweety: Ja, wirklich.

Nostitz: Und dann schreibt er über das Ganze.

Sweety: Und es ist so phantastisch, der kochte so gerne mit [...] aber wenn er gekocht hat, dann war diese Küche vollgetürmt, mehr konnte man gar nicht.

Ponti: Bei einem Mann ist das so, abwaschen mag er nicht, das sollen die Anderen tun.

Nostitz: Großartig

Sweety: Das war wirklich

Nostitz: Ja, ja. Das ist eben über diese Fahrt.

Sweety: Ich wußte nicht, daß Borchardt darüber [...] berichtet.

Nostitz: Ja, ich kann's Ihnen mal schicken, es ist nicht im Buch, leider.

Sweety: Ah, so.

 

 

Nostitz: Es sind Briefe, die später gefunden sind, und die jetzt in Marbach sind, wo wir ja noch hinfahren wollen – in dem Literaturarchiv.

Sweety: Ich war auch letztes Jahr da.

Nostitz: Und da ist ein gewisser Dr. Volke12, der hat das veröffentlicht. Aber ich werde ihm sagen, er soll es Ihnen noch mal schicken.

Sweety: Ja, ja, das ist sehr nett.

Nostitz: Er hat es mir auch geschickt

Ponti: War das eigentlich der Mann von der Marel?13

Sweety: Das war der Mann von der Marel

Ponti: Von der Marel?

Sweety: Weißt Du, der war schon mal verheiratet

Nostitz: Ja eben, das ist die Caroline Ehrmann gewesen

Sweety: Und er wurde dann später geschieden – also dies war nicht die Marel – dies war die erste Frau.

Ponti: Also wart Ihr noch mit der ersten Frau.

Sweety: Und die war [...]

Nostitz: Ja, sie haben sich getrennt dann.

Sweety: Ja, sie haben sich getrennt und Borchardt [...] und Kinder wollt' er haben, und aus der Ehe gab's keine Kinder

Nostitz: Ach so, deswegen [...]

Sweety: Und dann hat er die Marel getroffen – das war, glaube ich, wie sie in Berlin waren zum "Jedermann".

Nostitz: Ach ja, ja.

Sweety: Da war die Marel als junges Mädchen mit ihren zwei Schwestern und ihrer Mutter – reizender Mutter – und mit Rudi und all denen [...] und so Premieren, das immer alles zusammen [...]

Nostitz: Ja, ja

Sweety: Und da sah ich schon, wie die Zwei – und der Borchardt war ganz hingerissen. Die Familie Schröder war gar nicht hingerissen davon, obgleich sie ja sehr befreundet mit ihnen waren – aber sie fanden das doch sehr schwierig, er war viel älter und er war der Freund von Rudi14, und

Nostitz: Ja, die andere Frau war da

Sweety: [...] und so, also es war 'ne schwierige Sache.

Ponti: Sag mal, Sweety, die Uraufführung von Jedermann15, war die in Berlin?

Sweety: Die erste Aufführung – und zwar in 'nem Zirkus.

Nostitz: Im Zirkus – hm ja

Sweety: Und wir waren alle da, Gott, Hugo und ich waren noch kurz vorher, kurz vor der Premiere da, und ich sagte: "Um Gottes Willen, das kann ja gar nicht aufgeführt werden." Da war ja überhaupt die Hälfte, die stand noch gar nicht, es war entsetzlich. Da probte noch gerade der Mammon und die Kiste klappte zu, und der hatte sein Bein drin usw., also es war entsetzlich. Der Hugo [...] furchtbar, was sollen wir nur machen. Und dann gingen wir also alle hin und saßen alle zusammen. Die Leute wußten gar nicht, was sie damit machen sollten – ein Mysterienspiel in einem Zirkus, nicht?

Ponti: Ja, wieso war das eigentlich

Sweety: Ja weil's so groß sein mußte

Ponti: Der Hofmannsthal war doch Österreicher – wieso hat er das

Nostitz: Ja, mit Reinhardt16 – Reinhardt war in Berlin.

Sweety: Und dadurch kam die ganze Sache. Und Kessler17 und meine Schwägerin Julie, die haben derartig applaudiert, die hatten geschwollene Hände, weil sie die ganze Gesellschaft mitreißen wollten, weil die wußten nicht, was ist denn da eigentlich, nicht.

Nostitz: Ja, ja

Sweety: War sehr merkwürdig.

Nostitz: Wir haben's jetzt noch mal gesehen in Salzburg, ja aber am Domplatz

Sweety: Soll nicht so [...]

Ponti: Furchtbar, die Neuinszenierung

Nostitz: Ja, ich weiß nicht, ich hab's früher nicht gesehen, ja, die Thimig18 hat den Glauben gespielt, und die hat nicht mehr die Stimme – es trägt nicht mehr.

Nostitz: Es ist wieder die alte jetzt

Ponti: Ah, ja voriges Jahr war es doch furchtbar

Sweety: Und sie sagten, Salzburg sei damit nicht zufrieden

Sweety: [...] nicht anrühren, also man soll es so lassen, wie Reinhardt – wie Hofmannsthal es gemacht hat.

Nostitz: Ja, man hat es jetzt wieder nach der alten Inszenierung gemacht.

Sweety: So, aha, aha, denn inzwischen war's anders

Nostitz: Das war der Sohn

Sweety: Und da war Salzburg ganz entsetzt

Nostitz: Ja, eben, nein, jetzt ist es ganz nach der Tradition, und es war an sich sehr schön.

Frau von Nostitz: Die Thimig ist doch dafür eingetreten

Nostitz: Die Thimig macht die Regie, die Frau, die Witwe

Frau von Nostitz: [...] aber doch merkwürdig, daß Reinhardt keine andere Bühne gefunden hat damals, nicht?

Sweety: Ja ja, das war der Anfang. Und die haben gesagt, das ist ja auch wunderschön, das ist ein riesiger großer Raum [...]

Nostitz: Da kann er seine Handlung entfalten

Sweety: Und es muß doch viel sein, nicht, also

Nostitz: Ja

Sweety: Man hätte es ja vielleicht – aber damals wäre das zu modern gewesen noch – in der Kirche zu geben, nicht.

Nostitz: Ja, ja

Sweety: Nachher wurde ja in Salzburg

Nostitz: Ja, da war es vor der Kirche

Ponti: Das Welttheater war aber dann in der Kirche, da hat aber der Erzbischof, oder wie heißt es in Salzburg?

Sweety: Der hat sehr mit Hugo und mit Reinhardt – da haben sie zusammen gearbeitet, daß er die Erlaubnis dann gegeben hat, daß es in der Kirche gemacht wurde. Und es wurde gegeben, das, was reinkam, um die Kirche zu restaurieren wieder, weißt Du, die war

Ponti: Verbombt

Sweety: Die war sehr [...]

Nostitz: Ja.

Sweety: Das war damals [...]

 

 

Nostitz: Das wird natürlich gedruckt, nicht

Sweety: Ja, ja

Nostitz: Ich dacht, es wäre nur ganz schön, wenn ich es mal in der Schrift sähe.

Sweety: Wann kommt's raus?

Nostitz: Im Herbst, im September, nicht also

Ponti: Ach – Sie machen das

Nostitz: Ja, ich hab's gemacht

Ponti: Ah, so.

Nostitz: Ich hab furchtbar viele Anmerkungen.

Sweety: Der Hugo hat ja Helene so gerne gehabt und sehr verehrt und war auch so gerne dort.

Nostitz: Ja, das glaube ich. Hier kommt sie noch besonders vor, ja hier.

Sweety: Die Mühllen19 schrieb mir: Eine gute Freundin, Gräfin Degenfeld, Schwägerin von Eberhard Bodenhausen, vielmehr eine Freundin von Helene Thimig dazu, mit van de Veldes20 nach Lauchstädt21 zu gehen. Ja, das war eine tolle Sache.

Nostitz: Ja, da waren die Eltern meiner Mutter nicht dabei, das kommt dann hier.

Sweety: Sie beide würden auch dort sein, nein, waren nicht dabei, Nostitzens sind nicht gekommen, leider, weil ihr Vater krank ist.

Nostitz: Weil ihr Vater, hm.

Sweety: Es tut mir leid, ich hätte mich so gefreut, daß ich dorthin einen Faden anknüpfte, mich gefreut für mich, für Sie und für Eberhard, der sich's wünscht, das weiß ich. Vielleicht ergibt sich im Oktober in Stuttgart , ja

Nostitz: Ja, das war ja dann, da waren Sie ja.

Sweety: Ich werde in ein paar Wochen nach Stuttgart zum ersten Abend der Ariadne22 – nach Dresden – wohl auch müssen. Da haben sich für die ersten Dresdner Aufführungen – ja, da ging er dann zum Jedermann dorthin.

Nostitz: Er kam nach Dresden?

Sweety: Es war immer ein Gedanke damit, ein paar Tage in Auerbach zu verbringen.

Nostitz: Da ist er dann auch hingegangen.

Sweety: Ja, da ist er dann dagewesen.23

Nostitz: Da ist er dagewesen.

Sweety: "Und wie ich hinkam, müssen Sie mir vergeben, ich muß mich im Sommer zusammenhalten. Es ist nicht zu sagen, wie mich kleine Reisen zerstreuen, ja. zerrütten, wo in meinem Beruf alles auf Sammlung ankommt."24
Es war furchtbar schwer, wie dieser Mensch leiden mußte, um sich zusammenzuhalten für seine Arbeit. Er kam doch jeden Herbst für vier Wochen ungefähr hierher.

Nostitz: Hierher oder nach Neubeuern?

Sweety: Zuerst nach Neubeuern und nachher hierher.

Nostitz: Und danach hierher.

Sweety: Und was ihn alles störte! Ich hatte ihm drüben im anderen Haus, weißt Du, unten das Zimmer, wo Mädy Bodenhausen jetzt wohnt. Und ich hatte ihm das so ein bißchen so eingerichtet, wie ich dachte. Und nach kurzer Zeit war alles draußen. "Ottonie, nicht wahr, Sie nehmen es mir nicht übel, aber da ist noch ein Bild, und ich kann es eigentlich nicht sehen." Es blieb zum Schluß ein Tisch, ein Stuhl und eine Stellage für Bücher.

Nostitz: Das war alles.

Sweety: Alles – und auch die Blumen waren sehr spärlich, paar Geranien, die durften da stehen. Ich sagte: "Hugo, mir ist es wirklich ganz egal, ich will nur, daß Sie es so haben, daß Sie arbeiten können, alles andere ist ja unwichtig." Aber diese vielen Verzweiflungsmomente! Wenn Menschen so sagen, Gott, wie wunderbar, so'n Dichter usw. Morgens haben wir zusammen hier gefrühstückt, und dann sind wir immer hier um dieses Rondell ein bißchen spazieren gegangen, bis er dann rauf ist zum Arbeiten. "Ich habe [...] ich habe gestern keine Zeile zusammengebracht." Dabei war er dann oben im Zimmer von 10 bis um " 1.

Nostitz: Ohne eine Zeile.

Sweety: "Ich habe keine Zeile fertiggebracht, es ist schrecklich!" Was ich den trösten mußte, Sie glauben es nicht. Ich sag: "Aber Hugo, man kann ja nicht immerzu Sachen für die Ewigkeit hinstellen, und Sie sind ja nun mal kein so dahergelaufener Schreiberling." Also, ich meine Du weißt ja, ich mußte ihn immer trösten. Es war wirklich schrecklich, wie ihn das belastet hat.

Nostitz: Ja, ja.

Sweety: Und er sagte aber auch immer: "Man muß – man kann nicht einfach so – hingehen, sich hinsetzen, sich konzentrieren." Und natürlich las er dann die Dinge, die er brauchte usw., es war ja nicht ein Morgen, der vertan war.

Nostitz: Ja.

Sweety: Er sagte nur, er ist vertan, weil er nicht jedes Mal was brachte, und da kam so furchtbar dazu das Wetter, er hat so schrecklich unter dem Föhn gelitten.

Nostitz: Ja, das war zuletzt noch, nicht wahr?

Sweety: Furchtbar, also ganz furchtbar unterm Wetter oder, ganz merkwürdig, wenn er ganz down war, sagte ich: "Hugo, ich bin überzeugt, morgen oder übermorgen schneit es" und eh der Schnee kam, er war immer sehr spät.

Frau von Nostitz: Er war wetterfühlig.

Nostitz: Ja, ja er hatte immer Migräne.

Frau von Nostitz: Hier in der Gegend ist er besonders stark, nicht?

Ponti: Furchtbar!

Sweety: Wir sind ja ein Föhnloch. Ich habe früher auch so Migräne gehabt – eklig!

Frau von Nostitz: Aber Hofmannsthal hatte ja ganz am Schluß – war er ja auch irgendwie nicht – da schreibt er doch von seinem Sohn auch, vor dem Selbstmord nicht, da schreibt er doch von seinem Sohn.

Nostitz: Von dem Gewittertag.25

Sweety: Also, wenn man darunter leidet – wir sind hier überhaupt 'ne Gesellschaft –

Ponti: Ich speziell, jetzt hab ich ein neues Mittel.

Sweety: Dann hatte er auch Depressionen hier [...]

Sweety: Das kam alles daraus, diese schweren Depressionen kamen – hingen immer zusammen mit Wetter, entsetzlich. Und dann hatte er so sehr das Bedürfnis, wissen Sie, seine paar Menschen zusammenzuhalten.

Nostitz: Ja, das kommt hier in den Briefen auch.

Sweety: Und da war doch immer diese Woche hier in Neubeuern.

Nostitz: Ja, da sind sie ja einmal gewesen auch, die Eltern, das war 1912.

Sweety: Da waren die Eltern da. Und die wunderbare Tour auf den Wendelstein.

Nostitz: Ja, ja, das haben wir uns ja abgeschrieben – das Gedicht, das ist herrlich – von Rudi.

Sweety: Von Schröder.

Nostitz: Das ist sehr komisch.26

Sweety: Also, ich bin jetzt wirklich so froh – kennen Sie meine Nichte [...] aus der Ostzone.

Nostitz: Grüß Gott

Sweety: [...] willst Du einen Sherry?

Stils: Danke, nein.

Nostitz: Also das, warum das abgeschrieben wurde, ist noch von Mama so [...]

Sweety: Ah, ja.

Nostitz: Das schrieb sie nach Stuttgart.

Sweety: Ah, ja.

Nostitz: Sie schrieb sympathisch immer mit "i" – schrieb sie immer so.

Sweety: Aber der Wassermann27, da haben wir so gelacht – [...] ach Wassermann, da kann ich auch nur sagen, wenn was passierte, dann wurde gesagt: "Um Gottes Willen, wenn Wassermann da ist, wenn der Jakob da ist, erzählt's bitte nicht, dann kommen wir alle in seinen nächsten Roman.

Nostitz: Er notierte sofort alles.

Sweety: Ja, sofort. Und er hatte eine so kleine – haben Sie mal seine Schrift gesehen?

Nostitz: Nein, nein.

Sweety: Also in Marbach, glaube ich, ist sie auch, aber so klein, daß Hugo groß schreibt dagegen. Und dann sagte ich mal: "Ach, Wassermann, wie können Sie das überhaupt lesen, das ist ja so klein." Da sagte er: "Ja, sehen Sie mal, ich war doch so arm, ich hatte doch überhaupt kein Geld, und da mußte ich eben Papier sparen. Und ich lebte in Zürich, und da hab ich immer im Kaffeehaus gesessen, und wenn einer aufgestanden ist und hat sein Brötchen liegen lassen, dann hab ich's schnell geholt, damit ich was zu essen hatte." Schrecklich war es.

Nostitz: Ja, und später schrieb er immer alles auf.

Sweety: Ja und dann schrieb er alles auf und behielt alles. Und dann war ich immer da im Sommer, in Alt–Aussee, da waren wir alle so zusammen.

Nostitz: Ja, ja, da sind wir jetzt gewesen wieder.

Sweety: Ist doch reizend – haben Sie's gesehen, wo Hofmannsthals da wohnten?28

Nostitz: Nein, leider nicht [...]

Sweety: Und dann war er da oben, und dann hatte er in 'nem Bauernhaus nur ein Zimmer, weil er ja [...]

Frau von Nostitz: Ja, das hat [...] uns erzählt.

Sweety: Er konnte nicht in seinem Haus arbeiten.

Nostitz: Ja, das schreibt er an meinen Vater mal, er könnte ihn nicht empfangen, es wäre keine Möglichkeit, es wäre so eng.29

Sweety: Auch in Rodaun nicht – da hatte er 'n kleines Zimmer irgendwo anders.

Nostitz: Daß die Familie ihn nicht störte.

Sweety: Nein, nein, der Haushalt, der Krach, das konnte er nicht. Er hatte in Rodaun im Sommer oben – der Garten ging da oben rauf – waren Sie in Rodaun, dann haben Sie das gesehen.

Nostitz: Jetzt nicht, nein, also nur als Kind.

Sweety: Und da ging's direkt vom Haus wie so'n Balkon, und oben hatte er ein ganz kleines Zimmerchen, so 'ne Hütte will ich mal sagen, und da schrieb er dann, ja wenn sie in warmer Zeit da waren. Und im Winter hatte er im Ort ein kleines Zimmer gemietet in irgendeinem Haus, wo es still war. und da ging er dann morgens hin. Das war auch schon der Weg dahin, war für ihn schon günstig, nicht, dann fiel das andere alles weg.

 

Rodaun: Salettl in Hofmannsthals Garten

 

Stilz: Loslösen von dem anderen.

Sweety: Ja, von dem anderen, und dann kam er dahin, und da konnte er sich dann besser konzentrieren. Und in Alt-Aussee da waren dann immer – da kamen so viele Menschen doch im Sommer hin. Die Grete Wiesenthal30 auch immer.

Nostitz: Die haben wir noch besucht in Wien vor zwei Jahren.

Sweety: Ja, ach wie nett. Da sagte der Wassermann mal zu mir: Die Grete Wiesenthal, die ist der Mensch, der am schönsten zuhören kann. Wenn man was vorliest, dann wünscht man sich immer die Grete, daß sie dabei ist. Es ist 'ne Begabung nicht, eine Begabung, zuhören zu können.

Nostitz: Sehr, das fehlt leider jetzt, jeder steckt in einer [...]

Sweety: Ihre Mutter hatte auch so eine gute Handschrift.

Nostitz: Ja, so'n bißchen barock – ja das ist nur hier – das andere ist unklar geschrieben.

Sweety: Ja, das ist immer wieder – ach, die Ariadne, also wissen Sie auf einmal steht die ganze Welt wieder da. Nein, die Ariadne-Aufführung in Stuttgart! Die sagen immer alle, ich müßte ein Buch schreiben über mich, aber ich kann's nicht, ich bin so unbegabt für sowas, ich kann nur zuhören und kann nur sprechen.

Nostitz: Aber sprechen können Sie ja.

Sweety: Ich kann's nur erzählen alle.

Nostitz: Eben. Es war wirklich gut, die Ariadne, es wurde dann ein bißchen kritisiert. Er hat's ja dann umgearbeitet später.

Sweety: Ja, wissen Sie, es war ja auch 'ne zu komplizierte Sache, also es war zuerst die Idee, daß – sie waren begeistert von der Massary

Nostitz: Fritzi Massary?

Sweety: Ja, der Fechner, der Strauss und der Hofmannsthal, die hatten in Berlin die Massary gesehen, die doch aus dem Nichts was machen konnte. Und da sagten sie, für die Massary muß was gemacht werden, der Hugo muß es schreiben, und der Strauss muß es komponieren und das ist alles [...] aber natürlich tat er's nicht. Dann kam die Ariadne so ungefähr zusammen, aber es war auf 'ner viel zu hohen Stufe dann.

Nostitz: Hat die Massary die Ariadne gespielt?

Sweety: Das war so, das war dann nachher, das kam nicht, das war so die Idee. Hugo sagte: "Was machen wir nur?" Das kam dann nicht. Die Ariadne war dann nichts für die Massary nachher.

Nostitz: Aber hat sie es dann gespielt, die Rolle oder nicht?

Sweety: Nein, nein.

Nostitz: Hat's nicht gespielt.

Sweety: Wunderbar gespielt hat's die Jeritza.

Nostitz: Das war in Berlin, nicht?

Sweety: Ja, die hatte sie bekommen und das Verrückte vom Stück, von der Premiere war ja, daß alles von woanders hinkam. Es wurde ein neues Theater eingeweiht, es kam die Ariadne mit Ghella als Brig war damals Dirigent in Stuttgart, es kam aber ein ganz anderer, ich weiß nicht, wer das war. Die Massary kam aus Wien. Der Reinhardt machte die ganze Sache. Also, Sie können sich vorstellen, alles war von woanders her, jeder war gekränkt über den anderen, wie so richtig Theater. Also was da alles vor sich ging, kann man sich nicht vorstellen.31

Nostitz: Nachher aber in Stuttgart war die Massary die Ariadne.

Sweety: Nein, die Jeritza hat die Ariadne gespielt. Sie hat gar nie die Ariadne gespielt.

Nostitz: Sie war aber dabei?

Sweety: Nein, sie war überhaupt [...] Sie war nur bei den Frühstücks in den besten Familien dreier Länder.

Nostitz: Na ja, immerhin.

Sweety: Sie war nie auf die Idee überhaupt gekommen. Es ist immer so. Und dann, Hofmannsthal sollte doch mal einen Film machen. Sie sagte: "Ach, das wär doch wunderbar, könnte ich mal einen Film machen, dann verdien ich doch einiges, dann könnt' ich 'ne ganze Zeit in Ruhe arbeiten."

Nostitz: Ja, ja, das war der Rosenkavalier, der Film.

Sweety: Nein, nein, das war dann das wurde gar nichts – das war viel zu – sowas konnte er nicht – ich meine auf DIESER Stufe, er konnte nur auf DER Stufe.

Nostitz: Ja, ja.

Sweety: Robinson über Robinson.32

Nostitz: Robinson

Sweety: Und gar nichts natürlich, aber wenn man so drüber nachdenkt – [...] Ich sagte auch: "Hugo, das ist doch unmöglich, daß Sie sowas machen bei Ihrer ganzen Konzeption."

Pause.

Sweety: Da33 war die Grete Wiesenthal als Tänzerin dabei, sie kam als kleiner Koch aus einem omelette surprise heraus und mit einem Glase Sekt tanzte sie um diese Tafel rum – ja, das kann man sich einmal leisten, aber stellen Sie sich vor, wenn man das immer – Und dadurch fiel es dann unter den Tisch. Und dann kam diese neue Sache mit dem Vorspiel, mit dem Komponisten usw.

Nostitz: So wie es jetzt auch noch ist.

Sweety: Ja, wir haben es neulich in Salzburg gesehen, es war wirklich – der Komponist war wunderbar! Wir waren so ein paar Mal in Salzburg zu den Opern.

Nostitz: Das war kurz ehe ich gekommen bin.

Sweety: "Cosi van Tutte" war wunderbar. Und dann hatte ich noch mit Marel zusammen Plätze für "Gärtnerin aus Liebe", aber es wurde schlecht gespielt. Das lag nur zwei Tage auseinander, und dann kam noch was, ich weiß nicht, was es war. und dann war es mir ein bißchen zu viel.

Nostitz: Im nächsten Jahr soll Der Schwierige gegeben werden in Salzburg. Das würde ich gerne sehen.

Sweety: Ja, das würde ich auch gerne sehen.

Stilz: Sweety, es hat geläutet!

Sweety: Dann müssen wir zum Essen gehen.

Alle reden durcheinander.

Sweety: Heute kriegen wir Spaghetti, weil wir so viele sind, damit müssen wir zufrieden sein, wer nicht damit zufrieden ist – es geht nicht ums Essen, es geht um die Unterhaltung, es geht um die Musik, und es geht um uns alle.

Unverständliche Tischunterhaltung.

<...>

Sweety: Er las wunderschön vor!

Nostitz: Ja, bei einem Dichter ist es selten, daß die so vorlesen können.

Sweety: Also Rudi las zuerst gar nicht schön vor, ich dachte immer, wenn doch der Rudi bloß nicht vorlesen würde, das ist so furchtbar. Und später hat er so schön gelesen. Also hier hat er mal so wunderbar – es war Weihnachten – und wir haben immer Weihnachten ein Krippenspiel oder sowas gemacht, und da hatte Borchardt eins für uns – unsere Kinder – geschrieben: "Das Hinterhörer Krippenspiel" Und dann auch mal van de Velde und auch mal Heiseler34 hat eins geschrieben usw. Und nun waren wir doch so viele, das ganze Personal war dabei, und es kam immer [...] den Basar, wo so viele nur kamen. Wenn man da gar nichts Weihnachtliches machte! Da war immer zuerst ein schönes von den Kindern gespieltes Krippenspiel. Und nun war also alles dabei, und wir lebten hier, und Rudi war einen Winter hier mit seiner Nichte, Erika Frey.

Nostitz: Die Schwester von Marel.

Sweety: Und ich dachte, na, ich muß jetzt die Weihnachtsgeschichte lesen, es ist doch eigentlich zu dumm, daß Rudi – ne, das geht nicht. Ich sagte: "Rudi sag mal –" und nun konnt' er doch so schlecht lesen, weil er doch fast blind war. Ich sagte: "Rudi, Du kannst doch bestimmt die Weihnachtsgeschichte auswendig, könntest du's nicht heute abend sagen, weil [...] Da sagte er: "Ja, weißt Du, ich würd' es ja gern tun, aber glaubst Du, daß ich sie wirklich ganz auswendig kann?" Ich sagte: "Ich glaub' es bestimmt." "Na ja, also dann werd' ich es noch mal memorieren." Und dann hat er abends – da waren die Mädchen – da waren wir alle – hat er die Weihnachtsgeschichte so wunderbar, aber so wunderbar gesagt, daß ich mir dachte, ja, ich hab's ja noch nie in meinem Leben überhaupt richtig gehört. Und das Personal – nie werden sie's vergessen, haben sie gesagt. Und da war ein kleines Mädchen dabei, die war 10, das ist die Tochter von der Waltraud, die kleine Angelika, und der Vater war in Hamburg, die Eltern sind getrennt, sie war hier mit ihrer Mutter. Und da ruft sie an nachher und sagt: "Nun hast Du ein schönes Weihnachten gehabt? Papi – ich habe so'n Weihnachten gehabt – so'n Weihnachten hast Du in Deinem ganzen Leben nie gehabt. Weißt Du denn, was ich erlebt hab'?" "Na, was denn?" "Ich habe gehört, wie Rudolf Alexander Schröder uns die Weihnachtslegende aus der Bibel heraus ganz auswendig und so schön gesagt hat. Sowas Schönes hab ich noch nie gehört." Das war wirklich entzückend, es machte allen – es war so einfach – wunderbar.

Nostitz: Und das war die letzten Jahre jetzt, kurz vor seinem Ende.

Ponti: Vor drei oder vier Jahren.

Sweety: Ich weiß gar nicht, warum er den Winter hier war – war die Heizung?

Stils: Die Heizung

Ponti: Umgebaut.

Sweety: Und da hab ich gesagt, ja wenn Ihr keine Heizung habt warum wollt Ihr unbedingt nach München.

Ponti: Und dann ist er nicht fertig geworden und Marel immer mit ihren.

Sweety: Zitat von Rudi Schröder: "Du bist taub, und ich bin blind – Du sagst mir, wie sie aussehen, was sie sind." Wir sind weiß Gott zusammen [...] und er wollte durchaus hinterher uns alle einladen, ein großes Essen. Ich sagte: "Rudi, es wird so spät, bis wir dann nach Hause kommen, ist morgen früh." Ich hatte hier – es war alles gedeckt, es war alles fertig, natürlich es war 'n kaltes Essen, und der Champagner war kalt, und er hat so gerne immer seinen Burgunder getrunken. Ich sagte: "Weißt Du, wenn sie Dir jetzt nicht sagen, wann die Zimmer ganz fertig sind mit der [...] Komm, geh' mal voran, nun trinken wir unseren Champagner, wir haben's ja eigentlich sehr gut gemeint [...]

Unverständliche Unterhaltung

Sweety: Und er hatte doch so viel Sinn für Humor. Ach, was haben wir gelacht oft mit'm Rudi, er konnte so herrliche Witze machen, und er hatte so ungern, wenn man dramatisch war.

Nostitz: Das mochte er nicht.

Sweety: Gräßlich! Und dann muß ich auch sagen, wirklich dank einem sehr guten Freund von ihm hat der Rudi noch ein sehr schönes Ende gehabt. Denn er war in seinem Haus, und er war so schwer geworden, kein Mensch konnte ihn mehr heben, wissen Sie, man kriegte keine Pfleger. Und da haben wir ihn rübergebracht in den Jägerwinkel von dem Professor Schimert.

Ponti: Am Tegernsee.

Sweety: Ein sehr schönes Sanatorium. Und da hat er dann bis zum Schluß – da war die Marel dann mit drüben, und da war noch ein junger Mann, dem er noch diktiert hat bis zum Schluß. Ich bin dann so jeden zweiten Tag rübergefahren.

Nostitz: Ach so, die Schwester, die war schon vor ihm gestorben.

Sweety: Ja, entsetzlich!

Nostitz: Die haben wir noch erlebt, da war er verreist.

Sweety: Dora, die war doch reizend – Dora, die war also ein Unikum, also reizend, und die hingen so aneinander, großartig. Und das Häuschen ist ja so nett, daß also die Marel drin wohnt, ist für uns – mir wär's schrecklich, wenn da niemand mehr wohnen würde, das wär' entsetzlich.

Nostitz: Hat sie nun einen neuen Sekretär.

Unterbrechung.

Sweety: [...] Salat von Brennesseln, und ich weiß nicht, noch was ganz armseliges. Auf einmal klopft's hier ans Fenster, und es waren zwei Männer – kommen Sie doch rein – und der Raimund35 kommt herein, ich sage: "ja Raimund wollt Ihr nicht essen, ich lade Euch gerne ein aber viel kann ich nicht bieten." "Ja, sehr gerne." Da gaben sie uns ihre komischen kleinen Büchsen und aßen mit Begeisterung unseren – da war noch Mr. Hoth und der andere.

Nostitz: Das war ein Fest sozusagen. Das war ein wichtiger Mann.

Sweety: Das war ein Fest, ja, [...] und dann sagte er zu mir, ich sage: "Was hast Du denn gemacht?" Und dann sagte er: "Ich war – wie heißt denn diese Sache – C I C".

Nostitz: Da war er.

Sweety: Und da sage ich: "Ja, habt Ihr denn – Ihr habt aber nicht viel gewußt, sage ich, denn sonst hättet Ihr doch schon längst den Krieg zu Ende haben können, wir waren ja schon lange fertig." Da sagte er: "Na ja, sieh mal, ich konnt's doch gar nicht besser haben." Und da war eben dieser Hoth. Ja, da sagt Raimund: "Ja, siehst Du, ich hab's immer gesagt, sie sollen sich in Hinterhör in Ruh sein lassen, ich hätt' mich doch irgendwo – hätt'st Du mich verstecken können." Ich sage: "Raimund, Du weißt Du, was hier noch war – die Kinderlandverschickung von München. Als die Schule geschlossen war, da hatten sie die Kinderlandverschickung da reingetan. Und im Nebendorf wohnte der – wie hieß der – in Nußdorf – von Hitler dieser große Mann?"

Ponti: Buhler.

Sweety: "Ich weiß nicht, wie ich Dich hier hätte verstecken sollen. Ich glaube, es ist besser, daß Du nicht hier gewesen bist."

Unterbrechung und unverständliche Unterhaltung

Sweety: Er war der Energischste.

Nostitz: Er war der Energischste [...] Katalog [...] Heymel.36 Er hat ihm eigentlich gar nicht geholfen.

Sweety: Sagt Kippenberg.37

Nostitz: [...] so viele Bücher gekauft hätte.

Sweety: Nun ja, ich meine, in einem Fall [...]

Nostitz: [...]

Sweety: Er sah aus, wie der letzte König von Spanien, aber so ähnlich, daß man immer dachte, er wär's, wie gespuckt.

Nostitz: Der ist also auf diesem Gruppenbild, das mir [...] da ist er auch mit drauf.

Sweety: Mit so 'nem hohen Kragen.

Nostitz: Da ist er in Uniform in so 'nem Militärmantel.

 

Weimar: Monet-Ausstellung

Eröffnung der Monet-Ausstellung in Weimar, 29. April 1905

Mitte, stehend, v. links: Gitta u. Alfred Heymel, Alfred von Nostitz, Hugo von Hofmannsthal, Harry von Kessler, Henry van de Velde
Sitzend, v. links: Maria van de Velde, Gerty von Hofmannsthal, Helene von Nostitz

 

Sweety: Ah, dann war es [...]

Nostitz: [...] Er war ein sehr begeisterter Offizier und Reiter.

Sweety: Ach, der arme Heymel, daß er so gestorben ist, so elend

Nostitz: Da hat ihn van de Velde gepflegt.

Sweety: Ach, diese Geschichten, die der

Nostitz: Wie er mal daherkommt mit dem Kreuz und zusammenbricht.38

Sweety: Wie er sich da in Weimar verkleidet hat.

Nostitz: Ja, das ist unheimlich.

Sweety: Also hier ist er ja auch so manchmal erschienen – Heymel, und zwar, einmal war's direkt 'ne Tragödie, da war Weihnachten, die beliebte Woche, wo sie kamen, wo sie aber auch schrecklich eifersüchtig waren, daß niemand dazu kam, denn sie wollten nun endlich mal – hatte sie 'n Ort gefunden, wo sie sich alleine treffen konnten

Nostitz: Ach so.

Sweety: Sie kamen doch alle – es war – also Eberhard war eigentlich der Initiator. Eberhard, der lebte aber in Essen. "Nach Essen" aber sagte er, "kann ich keinen Menschen einladen." Also Neubeuern hat genug Platz, und sie kamen auch immer Weihnachten mit den Kindern zu uns. Und da fing das dann an, dann sagte Hugo: "Dann komm ich auch, wenn Ihr mich brauchen könnt, wir treffen uns dann, Gerty kam und Rudi Schröder. Das waren diejenigen, die also sich treffen wollten. Nun wollten immer alle anderen, die so dazugehörten, kommen.

Nostitz: Das ist eben Heymels, das ist Annette Kolb.39

Sweety: Ach, Annette Kolb hatte immer so'n schlechtes Gewissen. Und daraufhin war – eines Tages sitzen wir beim Frühstück alle zusammen, herein kommt morgens – aber Hofmannsthal war noch nicht da – Heymel! Heymel war fasziniert von Hofmannsthal, wo der war, fuhr er hinterher. Hugo hatte das Gefühl – um Gottes Willen, es muß doch einen Ort geben, wo man mal alleine sein kann, und wo nicht die Leute hinter einem herlaufen. "Nein, ich kann das nicht, ach, ich will ihn nicht", na und so weiter. Es war entsetzlich. Heymel und van de Velde kannten sich eigentlich kaum. Van de Velde nahm es auf sich und sagte: "Bitte, Heymel, verstehen Sie diesen armen Dichterling und fahren Sie weg, es ist unmöglich. Er ist so verzweifelt, daß er keinen Platz hat, wo er allein sein kann, daß es nicht geht." Und der Heymel mußte wegfahren – schrecklich!

Nostitz: Ja, er war sehr geknickt.

Sweety: Also es kamen – es wurden ja immer Leute eingeladen, der [...], z.B. der Mell.

Nostitz: Ja, die waren einmal da, die waren also akzeptiert.

Sweety: Ja, die waren akzeptiert. Es war doch so, daß diese Leute sonst sich nie alleine trafen. Nachmittags – zum Frühstück traf man sich alle zusammen. [...] Ach und dann Behn war da, wollte 'ne Büste machen von Hofmannsthal.40

Nostitz: Da ist aber nie was Gutes entstanden.

Sweety: Nein, und da war dann so 'ne furchtbare Geschichte, ich weiß gar nicht, sowas entsetzliches, da mußte sich der eine beim anderen entschuldigen, es war furchtbar.

Kaffee.

Nostitz: Ja, in dem einen Brief schreibt er aber länger über dieses besondere Tintenfaß, das er hatte, mit den beiden Sphingen.

Sweety: Ja, und das ist nach Amerika gekommen.

Nostitz: Mit unendlich albernen Gesichtern, nicht, also sehen sie aus. Das werden Sie in dem Buch finden.

Unverständliche Unterhaltung.

Stilz: Sweety, mir ist es mal unter die Augen gekommen.

Sweety: Du warst doch nicht hier, als die ganzen Kisten nach Amerika gingen.

Stilz: Nein, da war ich noch nicht da.

Sweety: Na, und da waren also lauter Amerikaner hier, und die haben mir gesagt: "Schicken Sie doch um Gottes Willen die Sachen weg, die Russen kommen ja doch noch her und das wird alles wieder [...]" Da kamen doch immer so Freunde und Verwandte über [...] und schließlich ließ ich mich auch breitschlagen, und wir packten Kisten und Kisten, unter anderem ein ganzes 90 Stück Meißner – [...] da sind die Beine abgebrochen.

Nostitz: In Amerika?

Sweety: Wir hatten den besten Packer, und da passiert sowas, daß es in Bremen eingeladen wurde auf dem Schiff und in Kanada ausgeladen. Das Schiff hat nur Kreuz gefahren, es war ein solcher Sturm, daß in [...] alles umgeladen wurde. Die schönsten Gläser, die schönsten Pokale – alle Füße abgebrochen.

Stilz: Ach, ein Jammer!

Sweety: [...] warum hast Du uns das alles hergeschickt?

Nostitz: Ja, man macht's immer falsch.

Sweety: Ja, aber wer nicht vorher in Amerika gewesen ist, die haben weder 'n Boden noch haben sie einen Keller, die meisten Häuser. [...]

Nostitz: Und nun ist es drüben?

Sweety: Nun ist es drüben. [...] Ja, die Bücher, die englische Bibliothek vom Schloß, also wunderschöne Bücher, alles Ledereinbände [...] Mein Schwager41 las sehr gerne Englisch.

Nostitz: Ja, ja.

Sweety: Und da waren die ganzen Klassiker, und alles schöne alte Ausgaben und [...] ich würde sie sehr gerne haben. Er war ein großer Leser. Und es war sehr hübsch, war ein großer neuer Anbau mit einem Riesenraum [...] mit einem großen Fenster, da standen lauter Blumen – Pflanzen – und die Vasen, die machte er selber. Da hatten sie 'n großes hübsches Wohnzimmer, was ganz ausgemalt war, und da standen auf dem Klavier oder auf dem [...]tisch viele alte [...] Vasen, Porzellan. Und die machte er ganz selber, immer, da war er so genau, wie die Blumen da drin sein mußten, das konnte niemand anderes machen.

Nostitz: Neulich war eine Photographie von ihm in der "Welt", in der Literaturbeilage. Ein Artikel von dem Willy Haas42 über den Briefwechsel mit Hugo [...] Da haben sie in dem damaligen Zimmer in Rodaun vor einem großen Kachelofen gesessen. So eine bißchen altmodische Lampe war da, und

Sweety: und die gemalte Wand.

Nostitz: Ja, die sah man nicht auf dem Foto.

Sweety: Es war 'ne sehr hübsche, alte. Und auch die ganzen alten Möbel waren in dem Raum. [...] Man kam gar nicht richtig rein, es gehörte nämlich einer alten Familie. Der Hofmannsthal wollte es gerne kaufen, die wollten's aber nicht verkaufen.

Nostitz: So, er hat's immer nur gemietet.

Sweety: Ja, er hatte es nur gemietet, das war das traurige, denn sonst wäre dieses entzückende alte Haus neben dem berühmten [...] neben dem Hotelchen und Wirtshaus, wo jeder Mensch immer hinging. Und dann war so 'ne Steinmauer und dahinter war dieses Haus, und durch den Torbogen kam man in den Hof rein, da war an der einen Seite ein kleineres Haus und dann ging die Treppe rauf zu ihm.

 

Rodaun: Hofmannsthals Wohnhaus

 

Rodaun: Grüner Salon

 

Nostitz: Ein kleiner Garten, glaube ich, auch.

Sweety: Ja, der Garten unten sehr hübsch mit Kastanienbäumen, und von da ging's steil rauf zum Hang und oben war ein

Nostitz: Arbeitszimmer oder sowas.

Sweety: Ja.

Nostitz: Wo er schrieb.

Pause.

Ottonie von Degenfeld

Ottonie von Degenfeld Schonburg
Gemälde von Toni Oberniedermeyer um 1960

Sweety: Es waren ja manchmal die größten Tragödien, wenn sie sich hier verabredet hatten, und dann kam keiner.

Nostitz: Um Weihnachten herum.

Sweety: Ja, nein, später mal im Oktober oder im März, wenn er herkam – und dann kam niemand.

Nostitz: Das war doch nicht so 'ne Tragödie.

Frau von Nostitz: Er wollte Freunde sehen.

Sweety: er wollte diese Welt – "das ist doch meine Welt, man muß doch diese Welt zusammenhalten, und dafür muß man was tun und dafür muß man Opfer bringen, um die paar Menschen zusammenzuhalten, die eben sich gegenseitig was geben können."

Nostitz: Ja, das kam auch in seinen Briefen immer wieder.

Sweety: Ja, und nicht immer alles auseinanderlaufen.

Stilz: Aber zwischen Weihnachten und Neujahr, dann kamen sie alle zusammen.

Sweety: Ja, das war ja bestimmt. Aber so auch mal im Lauf des Jahres, wenn er mal Zeit hatte, daß er mal mit Rudi sich hier verabredete oder mit Eberhard oder so.

Stilz: Und wer kam dann immer so zwischen Weihnachten und Neujahr?

Sweety: Van de Velde, Hofmannsthal, Eberhard, Schröder, das war der Grund, und die anderen kamen so – wurden eingeladen. es war eigentlich ein ganz geordneter Tageslauf. Unten saß man sehr lange beim Frühstück, und dann verabredeten sich immer welche, die spazierengehen wollten zusammen, weil sie ein Gespräch haben wollten über irgendwas. Und wenn man sich dann traf draußen, ging man nie dahin zu den anderen, weil man genau wußte, die haben ein Gespräch, und man will sie nicht stören. Dann machte man einen anderen Weg. Und nachmittags wurde dann meistens so – sagen wir mal – so ab drei eine Schlittenfahrt oder sowas gemacht. Und dann wurde miteinander Tee getrunken und nach dem Tee waren immer die Männer alleine zusammen. Da haben sie dann Sachen mitgebracht, und sie fanden, das interessiert die Frauen nur wirklich gar nicht so sehr. So Übersetzungen oder sowas.

Nostitz: Na ja, so'n Fachkollegium.

Sweety: Schwierigere Sachen. Na, und abends dann nach'm Abendessen wurde dann vorgelesen, also was sie so mitgebracht haben, wie z.B. der Rosenkavalier, wie er fertig war, waren wir doch die ersten.

Nostitz: Der wurde auch vorgelesen?

Sweety: Der wurde abends vorgelesen, es war reizend.

Nostitz: Der wurde auch in Weimar mal gelesen – aber vielleicht erst

Sweety: Nein, erst hier war er fertig. Und da wurde er – "ich habe Euch was sehr nettes mitgebracht", sagte Hofmannsthal. Und da mußte also sehr genau der Diener schon gleich nach Tisch die Getränke bringen, daß um Gottes Willen man nicht gestört wurde nachher, nicht.

Nostitz: Ja, es mußte alles hingestellt werden.

Sweety: Und dann wurde vorgelesen. Und wie nun der Rosenkavalier fertig war, saßen wir alle so'n bißchen versonnen da. Es war aber so reizend und jeder suchte das Taschentuch, also jeder saß so'n bißchen da, und er sagte: "Aber was habt Ihr denn eigentlich – Ihr seid ja alle so traurig. Ich wollte doch kein Drama schreiben, es sollt' ja was Lustiges sein!"

Nostitz: Waren Sie eigentlich auch bei der Premiere in Dresden dabei – oder nicht?

Sweety: Ja, da konnte ich nicht hin und bin die nächste Woche dann gekommen. Ich weiß nicht, irgendwas war hier los.

Stilz: Und dann habt Ihr Euch abends verkleidet, und das ist diese herrliche Geschichte.

Sweety: Ja, und Rudi – verrückt – haben wir mal gesagt, "und heute abend kommen wir mal alle verkleidet an, aber nur die Sachen, die wir im Zimmer haben. Rudi Schröder kam in seinem Bademantel, da hatte er sich ein Band drangebunden und lauter Silberfäden, die hatten sie auf'm Hof gefunden.

Ende.

 


1 Julie von Wendelstadt, geb. von Degenfeld (1871-1942) Schwägerin Ottonie von Degenfelds und Herrin von Schloß Neubeuern. zurueck

2 Dora von Bodenhausen-Degener, geb. von Degenfeld (1877-1969) Ehefrau Eberhard von Bodenhausens, Schwester Julie von Wendelstadts. zurueck

3 Die Bemerkung bezieht sich auf den Brief Hofmannsthals an Helene von Nostitz vom 19. Juli 1912. Er schreibt aus Aussee: "<...> Es waren viele unvergeßlich schöne Stunden gewonnen. Die Fahrt über den Apennin von Faenza nach Florenz, die von Florenz nach Perugia über Cortona und Arezzo, ein anderer Tag von Rom über Viterbo nach Orvieto, eigentlich fast alles. <...>Neu war mir Lucca und hat mich bezaubert. Sie kennens wohl, so schildere ichs nicht Aber es ist ganz was einziges, die schönen baumreichen Täler, die stille von der Zeit vergessene Stadt ohne Fremdengetue - hier fanden wir auch sehr liebe Menschen, Rudolf Borchardt und seine Frau, die seit 4 Jahren dort leben, dann eine alte Fürstin Altieri mit ihrer Tochter, die zwei Frauen, allein, in dem einsamen Nest, eine Atmosphäre so außerhalb 1910, sehr schön, ein wenig 1820 wie ganz Lucca es ist. <...>" (BW Nostitz 113f.) zurueck

4 Die Reise des Ehepaars Gerty und Hugo von Hofmannsthal in Begleitung von Ottonie Degenfeld und dem österreichischen Dichter Max Mell nach Italien fand Anfang Mai 1912 statt. Im Nachlaß Hofmannsthals befindet sich dazu ein Blatt in der Handschrift Mells, der, solange er mit von der Partie war, penibel Tagebuch führte. Leider hat es nach seiner Abreise weder Hofmannsthal noch eine der ihn begleitenden Damen weitergeführt. Hofmannsthal trug nur die Überschrift: "Autoreise nach Italien 1912" auf Mells Notizen nach. Demzufolge brachen die Reisegefährten am 30. April von München aus auf. Elsa und Hugo Bruckmann, der Münchner Verleger und seine Frau, begleiteten sie bis Benediktbeuren. Über den Walchensee, Zirl, Innsbruck, Brenner, wurde gegen 6 Uhr abends Brixen erreicht. Am nächsten Tag ging es über Bozen nach Meran, wo man sich mit dem Maler Erwin Lang, Ehemann der Tänzerin Grete Wiesenthal, zum Mittagessen traf und danach eine Spazierfahrt nach Schenna unternahm. In Bozen wurde übernachtet. Am folgenden Tag, dem 2. Mai, wurde Trient besichtigt, in Ala zu Mittag gegessen und gegen 4 Uhr nachmittags in Verona die Arena und San Zeno besucht. Den nächsten Tag ging es von Verona aus über Villafranca und Mantua nach Modena, wo der Dom angeschaut wurde. Um 4 Uhr erreichte man Bologna und fuhr noch schnell mit der Elektrischen nach San Michele in Bosco. Den folgenden Tag verbrachte man zunächst in Ravenna und fuhr dann weiter nach Florenz. Vom 5. bis zum 8. Mai hielt sich die Reisegesellschaft dort auf, besichtigte die Sehenswürdigkeiten und Museen und traf sich am 8. abends mit dem Kunsthistoriker Bernhard Berenson. Am 6. hatte sie in Fiesole den Maler Ludwig von Hofmann besucht und mit ihm und seiner Frau eine Spazierfahrt unternommen und abends mit dem italienischen Schriftsteller Carlo Placci soupiert. Am 8. Mai schreibt Hofmannsthal an seinen Vater: "Morgen also fahren wir nach Lucca, besichtigen auf dem Heimweg eine Privatvilla die uns durch Placci's Protection geöffnet wird, machen übermorgen Pisa und sind abends wieder in Florenz. <...>Heute abends sind wir bei Berensons geladen, Mell geht aber nicht mit, weil er sich fürchtet." Dieser führte aber weiter Tagebuch und notierte am 9. die Fahrt nach Prato und Pistoja, die Besichtigung von Schloß und Garten in Collodi. Mittags, in Lucca, wurden der Dichter Rudolf Borchardt und seine Frau begrüßt, die man abends im Hotel wieder traf, und Tee bei der Fürstin Altieri getrunken. Am nächsten Tag führte Borchardt die Gesellschaft durch Lucca. Um 11 Uhr fuhr man weiter über Marina di Pisa und einen Aufenthalt am Meer nach Pisa, wo der Dom, das Baptisterium und der Campo Santo besichtigt wurde. Am Abend um 8 Uhr war man wieder in Florenz. Hier nun verließ Mell die Reisegesellschaft und fuhr zurück nach Wien. Ob es wirklich die Sehnsucht nach seinem Vater war, die ihn heimtrieb oder vielleicht, wie auch vermutet wird, das Gekränktsein über die Art, wie Hofmannsthal die Gräfin Degenfeld umschwärmte und seine Frau Gerty und ihn selbst hintenanstellte, mag dahingestellt bleiben. Hofmannsthal jedenfalls war begeistert von der Reise und schrieb am 6. Mai dem Vater: "die Sache ist wirklich so schön und mit so viel Vergnügen verbunden, dass man gar nichts darüber sagen kann. Es ist eigentlich merkwürdig, dass man so etwas um Geld haben kann. Auch in der Stadt selbst verdoppelt das Auto für die Nachmittage das Vergnügen – man kann drei Landpartien zugleich unternehmen, deren jede sonst einen ganzen Nachmittag gebraucht hätte. Heute zum Thee besuchen wir Ludwig von Hofmann, der hier in Fiesole wohnt und abends führt uns Placci in ein Restaurant." zurueck

5 Max Mell (1882-1971) österr. Schriftsteller, Hofmannsthal kannte ihn seit 1907. zurueck

6 Eberhard von Bodenhausen-Degener (1868-1918) Industrieller u. Kunsthistoriker, Schwager Ottonie von Degenfelds, enger Freund Hofmannsthals. zurueck

7 Eberhard von Bodenhausen besorgte durch den Direktor der Adlerwerke ein Auto mit Chauffeur. Den überempfindlichen Hofmannsthal überkamen vor der Reise Zweifel, ob alles gut gehen würde. "Je näher die Autopartie rückt, desto klarer wird mir daß von einem Imponderabile sehr viel, fast alles abhängt. Vom Charakter des Chauffeurs, ob er ein freundlicher williger Mensch ist, ob das Gegenteil, wodurch das Ganze unleidlich werden könnte. Ließe sich dieser Punkt gelegentlich später von Deinem Büreau aus etwa telephonisch behandeln? Ich bin keine bequeme Kundschaft, aber dafür zahl ich ja auch keine Provision. Ich könnte mich, etwa beim Anblick einer Landkarte, auf die Sache maßlos freuen, vermeide es aber, weil wirklich unberechenbar Vieles von allen Seiten noch dazwischentreten kann." Diese Verzagtheit legt er am 20. März Bodenhausen gegenüber an den Tag, der sichtlich genervt antwortet: "Lieber, der Direktor der Adlerwerke hat mir sagen lassen, der Chauffeur sei der beste, zuverlässigste und erfahrenste, über den er verfüge. Mehr kann er nicht tun und ich kann nicht noch einmal anfragen, ohne Mißtrauen zu zeigen. Ich persönlich kenne ihn nicht und kann ihn auch nicht kennen lernen." (BW Bodenhausen) zurueck

8 Rudolf Borchardt (1877-1945) zurueck

9 Der Besuch bei Borchardt fand am 10. Mai 1912 statt. Darüber berichtet Hofmannsthal dem Vater: "Gestern abends sind wir von dem zweitägigen Ausflug aus Lucca zurückgekommen wo wir Borchardt und seine sehr nette Frau als Bewohner einer Villa in einem bezaubernden kleinen bewaldeten Tal vorgefunden haben und ihm durch unseren Besuch große Freude machten. Das ist ein Winkel Italiens, den ich noch nicht kannte, ganz außerhalb des Modestroms, Italien von 1810, viel weniger entwaldet als andre Gegenden, dadurch eine Idee des Italien von 1500 vermittelnd, und mir unendlich sympathisch und homogen." zurueck

10 Josef Hofmiller (1872-1933) Gymnasiallehrer, Mitherausgeber der 'Süddeutschen Monatshefte'.zurueck

11 Rudolf Borchardt an Josef Hofmiller.Sassi di Garfagnana / 14 Juni 12 / ca. 800 M. über dem Meere / Mein lieber Herr Hofmiller / Sie erhalten diese Zeilen aus einem Orte, dessen Namen Sie schwerlich je gehört haben hoffentlich aber schon bei Ihrer nächsten Reise nach Italien sich in Anschauung umsetzen werden. <...>Wir haben in Lucca grosse Müh gehabt ein Haus zu finden, das schliesslich gefundene und gemietete war ich sofort zu beziehen, die Fertigstellung im Luccheser Hôtel abzuwarten nicht lockend, so sind wir mit dem nötigsten nach Castelnuovo, dem Endpunkte der Bahn gefahren, nach kurzer Erkundung in das Dorf Sassi hinaufgewandert, das anderthalb Stunden Maultierweg bergaufwärts liegt, haben ein leerstehendes Haus mit ganz ordentlichen Möbeln für vierzehn Tage gemietet <...>und aus den vierzehn Tagen ist ein Monat geworden, während dessen die anfangs kaum ausschlagenden Kastanien in die Bluht gekommen sind, und auf den Wiesen sich dasjenige was uns beim Kommen fast am meisten entzückt hatte in Heu zu verwandeln beginnt. Zum ersten Male im Leben habe ich einen Frühling erlebt wie ich ihn in der Idee trage seit meiner Jugend <...>Die voralpinen Wiesen voll roter Akeley, riesiger Wiesensalbei, fremden Zwiebelpflanzen die geformt sind wie das rote Tritoma, aber sie sind schneeweiss – Primeln, Veilchen; Orchideen in jeder Schattierung zwischen tieflila und crêmeweiss, in jeder Form, von reinster Hyacinthengestalt bis zur zweiblütigen Fahne. Die Alpenmatten voller kleinblütigem und grossglockigem Enzian, echter Schlüsselblumen von tiefstem Orangegelb und Narzissen Narzissen soweit das Auge blickte; wilde himbeerrote Paeonien im Buchenwald. Vergissmeinnicht von finsterstem Blau; die veilchenartige hohe Pingnicola ganze Betten bildend. Wiesen voller Türkenbundlilien; lange Trauben von weissblühendem Steinbrech, Kissen von Felsnelken rosig bis purpurn, Pyramiden von blütenbeladenen Glockenblumen, von citronengelben Phloxartigen, von den rosigen Riesencorymben des wilden Baldrian in allen Felsritzen; <...>In Lucca war Hofmannsthal auf dem Hinwege nach Rom einen schönen Tag mit uns zusammen, auf dem Rückwege ist er mit seinen Damen gar hier hinauf geklettert, und wir haben in unserm kühlen Bauernsälchen, an dessen Wänden aber doch gemalte Ahnenporträts wie nur in irgend einem Palazzo Strozzi hängen, and er mit Enzian und Schlüsselblumen bestreuten Tafel gegessen wie die Könige. Seit zehn Jahren war dies wieder unsere erste Zusammenkunft – eine flüchtige Begegnung abgerechnet –, eine ganze Welt ist uns inzwischen zerfallen und neuentstanden geblieben ist von dem was uns einigt nur das Unvergänglichste das uns, nach ausgeblühter irdischer Jugend die andere verbürgt "die uns nie entfliegt". So gab es wol bewegte Minuten. Abgelöst wurden sie durch solche, in denen wir auf einen gewissen Herrn Hofmiller aus vollem Halse schimpften; worauf dann aber ich, denn es geht nichts über die Gerechtigkeit von dem Besagten ein höchst sanftmütiges und liebreiches Bild entwarf, und dem guten Hugo, immer als advocatus diaboli, einige gehörige Wahrheiten sagte; über welche er lachte. Lieber Hofmiller, dieser Mensch ist eine so himmlische Gottesgabe, mit allen Seinen Unarten und frauenhaften Unberechenbarkeiten, dass wir unsere kritischen Waffen strecken müssen und wenn wir sie tausendmal gegen einen seiner schwächsten Punkte gerichtet wüssten. Was wollen wir denn thun? Eh wir uns umsehn ist er weit davon und äfft uns wie Pan den Hirten; oder wie Dionysos die Fischer, die ihn gefangen zu haben meinten. Fangen? Das Göttliche? Unter dem ins Meer springenden taucht der Delphin auf und entführt ihn in der langen Furche. heute meinen wir ihn auf etwas Unverzeihlichem ertappt zu haben – morgen grüsst er uns von fernher mit etwas nie zu Lohnendem, nie zu verdankenden. <...>(Rudolf Borchardt. Gesammelte Briefe. Bd. III. München, Wien 1994, S. 390-395) zurueck

12 Werner Volke (1927-1998), Leiter der Handschriftenabteilung des Deutschen Literaturarchivs in Marbach am Neckar. zurueck

13 Rudolf Borchardt war in erster Ehe (1906-1919) mit Clara Karoline (Lina) Ehrmann verheiratet. Am 16. November 1920 heiratete er Marie Luise Voigt (1896-1989), eine Nichte Rudolf Alexander Schröders (1878-1962), mit der er vier Kinder hatte. zurueck

14 Rudolf Alexander Schröder (1878-1962). zurueck

15 'Jedermann' wurde am 1. Dezember 1911 unter Max Reinhardts Regie im Zirkus Schumann in Berlin zum ersten Mal aufgeführt. Es war ein großer Erfolg. Hofmannsthal telegraphierte am Tag nach der Aufführung an seinen Vater: "allem anschein nach sehr grosser erfolg zahllose stuermische hervorrufe von mindestens dreitausend zuhoerern darstellung regie glanzvoll", und Harry Graf Kessler notierte in sein Tagebuch: "Premiere von Hofmannsthals 'Jedermann' im Cirkus Schumann. Ich sass in seiner Loge. Die Aufführung machte auf mich einen wesentlich andren Eindruck als die Lektüre; sie rückte das Ganze ins Artistische. Auch trat der Humor viel stärker hervor. Die bunten Bilder verschleierten das für uns heute Befremdende der Konzeption. Der Erfolg war gewaltig, Beifallstürme, die nicht enden wollten, Tücherschwenken, zahlreiche Hervorrufe für Hofmannsthal, Reinhardt und Moissi." (SW IX, S. 266) zurueck

16 Max Reinhardt (1873-1943). zurueck

17 Harry Graf Kessler (1868-1937). zurueck

18 Helene Thimig (1889-1974), zweite Frau von Max Reinhardt. zurueck

19 Theodora von der Mühll-Burckhardt (1896-1983), Schwester Carl J. Burckhardts. zurueck

20 Henri van de Velde (1863-1957) und seine Frau Maria, geb. Sèthe (1867-1942). zurueck

21 In Bad Lauchstädt, in Sachsen-Anhalt, hatte das Weimarer Theater die von Goethe gegründeten Sommerfestspiele wieder aufgenommen. Im Juni 1912 wurde dort 'Gabriel Schillings Flucht' von Gerhart Hauptmann aufgeführt. Ottonie Degenfeld besuchte, zusammen mit dem Ehepaar Van de Velde eine Aufführung, zu der auch das Ehepaar Nostitz kommen wollte. Es war ihr, wie auch Hofmannsthals Wunsch, die beiden, die auch mit Eberhard von Bodenhausen befreundet waren, kennenzulernen. Ottonie Degenfeld berichtet am 17. Juni 1912 Hofmannsthal von der Aufführung und schließt den Bericht: "Rathenau traf ich in Lauchstädt und Studnitz, Nostitz telegraphierten noch zuletzt ab, da ihr oder sein Vater krank (ich weiß nicht mehr welcher) es tat mir leid denn ich hätte sie doch so gern kennen gelernt." (BW Degenfeld, S. 229) Hofmannsthal schreibt darüber am 19. Juli an Helene von Nostitz: "Im Juni schrieb mir eine gute Freundin (Gräfin Degenfeld, Schwägerin von Eberhard Bodenhausen und noch viel mehr eine Freundin von diesem) sie käme zufällig dazu, mit den van de Veldes nach Lauchstädt zu gehen und freute sich: Sie beide würden auch dort sein. Dann: Nostitzens sind nicht gekommen, leider, weil sein oder ihr Vater krank ist. Das tat mir doppelt leid, ich hätte mich so gefreut, daß sich dorthin ein Faden anknüpfte, mich gefreut für mich, für sie und für Eberhard B. der sichs wünscht, das weiß ich. Vielleicht ergibt sichs im October in Stuttgart!" (BW Nostitz, S. 114) Um diese Briefstelle, deren Schluß Sweety im folgenden wörtlich zitiert, dreht sich das Gespräch. zurueck

22 Am 25. Oktober 1912 fand im Kleinen Haus des Königlichen Hoftheaters in Stuttgart die Uraufführung der 'Ariadne' statt. Inszenierung: Max Reinhardt, musikal. Leitung: Richard Strauss, Dekoration u. Kostüme: Ernst Stern. Die Ariadne sang Mizzi Jeritza, den Bacchus Hermann Jadlowker. (S. SW XXIV 200). zurueck

23 Vom 1. bis 4. Dezember war Hofmannsthal bei Nostitzens in Auerbach. Am 3. Dezember besuchte er mit Helene von Nostitz in Dresden eine 'Ariadne' Aufführung. S. die im Kommentar von Oswalt von Nostitz angeführten Passagen aus den Aufzeichnungen seiner Mutter, BW 185f. Damals wurden sowohl 'Ariadne' als auch 'Jedermann' in Dresden gegeben. zurueck

24 Zitat aus BW Nostitz 115. zurueck

25 Hofmannsthals Sohn Franz erschoß sich am 13. Juli 1929, während eines Gewitters. zurueck

26 Veröffentlicht von Werner Volke: "Der Abstieg vom Wendelstein in. Silvester 1912". In: HJb 40, 1990, S. 16-26. zurueck

27 Jakob Wassermann (1873-1934). zurueck

28 In den Sommermonaten, oft bis in den Herbst hinein, bewohnte die Familie Hofmannsthal ein kleines Bauernhaus in Obertressen (Gemeinde Grundlsee) im Ausseer Land. zurueck

29 Brief an Alfred von Nostitz vom 24. August 1916, BW Nostitz 134f.: "Es ist ein winziges Bauernhaus, das sogenannte Speisezimmer so, daß die Kinder nie zu Tisch kommen können sondern für sich essen, bei Sonne im Freien, bei Regen in der bäurischen geräumigen Küche. Regnet es nun, wie es neulich in Strömen tat, so ist nicht die Möglichkeit, daß ein Gast sich zurückzieht, es ist kein Raum da als winzige Schlafzimmer: ein sogenanntes Arbeitszimmer ist in einem andern Bauernhäuschen abseits. <...>Dies Ganze wird Ihnen als Lebensform schwer zu verstehen sein; es ist ja auch wirklich noch unter meinen sehr bescheidenen Verhältnissen. Aber einmal liebe ich das Primitive sehr, bin sehr achtzehntes Jahrhundert in meinen Neigungen, liebe eine flackernde Kerze, ein dünnes Schindeldach, auf das der Regen trommelt, eine enge Holztreppe, eine schiefe Dachkammer, wie diese in der ich seit 8 Sommern schlafe und die kein Bedienter ohne Nasenrümpfen acceptieren würde, dann ist es einmal so gekommen – und dann ist es eine gute Schutzwehr gegen das Sociale; und die muß ich haben, denn der Sommer ist meine eigentliche Arbeitszeit." zurueck

30 Mit Hofmannsthal befreundete Tänzerin (1885-1970). S. Das fremde Mädchen zurueck

31 Eine Vorstellung davon bekommt, wer die Entstehungsgeschichte und besonders die Briefzeugnisse aus dieser Zeit liest, zusammengestellt in SW XXIV, S. 188ff. zurueck

32 Hofmannsthal plante einen Film über Daniel Defoe, den Autor des 'Robinson Crusoe'. Sein Entwurf dazu in 'Das Märchen der 672. Nacht. Das erzählerische Werk', S. Fischer 1999. zurueck

33 In der Stuttgarter Uraufführung der 'Ariadne'. zurueck

34 Henry von Heiseler (1875-1928). zurueck

35 Raimund von Hofmannsthal (1906-1974), jüngster Sohn Hofmannsthals. Die Episode spielt nach dem 2. Weltkrieg, Raimund war inzwischen amerikanischer Staatsbürger geworden. zurueck

36 Alfred Walter Heymel (1878-1914), Mitbegründer der 'Insel'. zurueck

37 Der Verleger der 'Insel', Anton Kippenberg (1874-1950). zurueck

38 Trotz einer Lungentuberkulose nahm Heymel als Freiwilliger am 1. Weltkrieg teil. Oswalt von Nostitz spielt auf eine Episode an, die van de Velde in seinen Erinnerungen erzählt: "Wenige Tage vor seinem Tode waren Julius Meier-Graefe, der sich auf der Reise nach dem Osten einige Zeit in Berlin aufhielt, und ich Zeugen einer makabren Szene, die sich meiner Erinnerung tief eingeprägt hat. Wir hatten das Krankenzimmer verlassen, waren zum Nachtessen in Heymels Arbeitszimmer gegangen und saßen beim Kaffee, dem Meier-Graefe und ich ausgiebig zusprachen. Unterdessen hatte der alte Diener auf Heymels Bitte ihm die Uniform angezogen. Der Sterbende hatte wohl die Absicht, in diesem Aufzug uns die Geschichte seines Rittes auf Paris zu erzählen. An seinem Waffenrock war das Eiserne Kreuz befestigt. Welches Wunder an Starrsinn, welche übermenschliche Anstrengung hatten es bewirkt, vor uns dieses gespenstische Schauspiel erscheinen zu lassen? Heymel blieb auf der ersten Stufe einer kleinen Treppe stehen. Wir stürzten auf ihn zu. Er öffnete den Mund, konnte aber nur ein paar unartikulierte Laute von sich geben und fiel in unsere Arme. Wir legten ihn in voller Uniform, den Helm auf seinem Kopf, auf sein Bett, wo er uns wie ein Ritter aus Erz auf einem Sarkophag in einer mittelalterlichen Kirche erschien." Henry van de Velde: Geschichte meines Lebens. München, Zürich 1986, S. 380. zurueck

39 Annette Kolb (1870-1967) hatte Hofmannsthal 1909 durch Heymel kennengelernt. zurueck

40 Ende Dezember 1911 arbeitete der Bildhauer Fritz Behn (1879-1970), häufiger Gast in Neubeuern und Hinterhör, an einer Hofmannsthal-Büste. zurueck

41 Jan von Wendelstadt (1843-1909), Mann der Julie von Wendelstadt. zurueck

42 Willy Haas (1891-1973), Herausgeber der 'Literarischen Welt'. zurueck